Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Innerer Sinn. 
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oder der Vergleichungspunkte d. i. dessen, worin die Gegenstände verglichen wer¬ 
den sollen; 3) scharfe Beobachtung des Resultates, welches die Bemühung gab. 
Wo wir aber zwei oder mehrere Gegenstände mit einander vergleichen, da muß, 
wenn ihre Gleichartigkeit erkannt werden soll, von ihrer Ungleichartigkeit 
abgesehen und auf ihre Gleichartigkeit hingesehen, und es muß, wenn ihre Ver¬ 
chiedenartigkeit erkannt werden soll, von ihrer Gleichartigkeit abgesehen 
und auf ihre Ungleichartigkeit hingesehen werden. Zur Vergleichung gehört also 
wesentlich 1) ein Absehen von gewissen Merkmalen des Objectes und 2) ein 
Hinsehen auf gewisse Merkmale des Objectes, also das, was man gewöhn¬ 
lich Abstraction und Reflexion nennt, wovon bereits Rede gewesen ist. 
So wie die Aufmerksamkeit für unser Erkennen von der größten Wichtigkeit ist, 
so spielt auch insbesondere die Vergleichung in unserm Denken eine sehr wich¬ 
tige Rolle, wie sich dieses daraus ergibt, daß wir die Gegenstände nicht sowohl 
an und für sich, als vielmehr nach ihrem Verhältnisse zu andern Gegenständen 
zu fassen und zu beurtheilen pflegen. So findet sich der Knabe nur dann arm, 
wenn er sich mit einem reichen Knaben vergleicht, und die gewöhnliche Speise 
verliert erst dann ihren Wohlgeschmack, wenn der Genuß anderer Speisen, die 
dem Munde mehr zusagen, zur Vergleichung einen Anreiz geben. Vorzüglich ist 
es der Contrast, welcher zur Vergleichung reizt. Auch ist es Thatsache, daß die 
Dinge — wenigstens für unsere Erkenntniß — ihre Qualitäten verändern, je 
nachdem sie entweder mit diesem oder mit jenem Dinge verglichen werden. Das 
was eben groß erschien neben einem kleinen, ist selbst kleiner neben einem grö¬ 
ßern; ebenso erscheint das Grün neben einem hellern als dunkel, neben 
einem dunklern als hell. Sowie nun die Vergleichung ein vortreffliches 
Mittel für die Berichtigung unserer Erkenntniß sein kann und es der Er¬ 
kenntnisse sehr viele gibt, welche nur durch Vergleichung möglich sind, so ist 
auch die Vergleichung die Quelle vieler Täuschungen und Irrthümer. Es kommt 
hier zunächst auf den Maßstab an, dessen wir uns zur Vergleichung bedienen. 
Sonne und Mond scheinen uns größer zu sein, wenn sie auf= und untergehen, 
als dann, wenn sie hoch am Himmel stehen. Es rührt dieses daher, daß wir sie 
im ersten Falle mit Bergen, Bäumen und andern Dingen, die wir uns wieder 
nach ihrer natürlichen, und nicht nach ihrer bloß scheinbaren Größe den¬ 
ken, vergleichen, wogegen uns im zweiten Falle diese Maßstäbe fehlen. Weil es 
ferner bei der Vergleichung verschiedener Gegenstände nicht auf die Einerleiheit, 
sondern bloß auf die Aehnlichkeit der Gegenstände abgesehen sein kann, so 
sind die Vergleiche auch keine Beweise und nichts hat in der Wissenschaft 
mehr geschadet als Beweise aus Vergleichungen. Vergleichungen sind ihrer Natur 
nach nicht geeignet, einen Beweis abzugeben, sondern sie dienen nur dazu, Ge¬ 
genstände zu einer sehr lebhaften Anschauung zu bringen: aber gerade im Zu¬
	        
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