Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
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1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Jnnerer Sinn. 
ausschließlich zuzuwenden und zwar aus der Absicht, eine klarere und deutlichere 
Erkenntniß des Gegenstandes zu gewinnen, als das gewöhnlich der Fall ist. Die 
Aufmerksamkeit ist also nicht ein besonderer Zweig des Erkenntnißvermögens 
sondern sie ist die Thätigkeit des Geistes selbst, einem äußern oder innern Ob¬ 
jecte vorzugsweise oder gar ausschließlich zugewandt. Ein solches Bestreben fin¬ 
den wir z. B. da, wo wir einen undeutlich geschriebenen Brief lesen, ein leises 
Gespräch hören, einem angekündigten Kunststücke genau zusehen wollen. Bei jedem 
Aufmerken findet sich: a) eine stärkere äußere oder innere Einwirkung und eben 
dadurch ein größerer Antrieb zur Thätigkeit; b) eine Aussonderung des Gegen¬ 
standes von andern Gegenständen; c) eine vorzüglichere Hinrichtung des Wahr¬ 
nehmungsvermögens und des Geistes auf diesen Gegenstand; d) ein mehr als 
gewöhnlich klares und deutliches Bewußtsein dieses Gegenstandes, wenigstens dann 
wenn das Aufmerken nicht ganz erfolglos war. Das Wesen der Aufmerksamkeit 
besteht in der klaren und bestimmten, möglichst scharfen Aussonderung und 
Erfassung des Einzelnen als solchen. Hierauf beruhet der erste Unter¬ 
richt des Kindes, so wie der Taubstummen und Taubblinden: auch das Abrich¬ 
ten der Thiere besteht vorzüglich darin, daß man sie gewöhnt, dasjenige geson¬ 
dert aufzufassen, was sich in der Totalvorstellung gegenseitig verdunkelt und 
trübt ?). Anfangs beschäftigt sich die Aufmerksamkeit nur mit einzelnen Gegenstän¬ 
den, später schreitet sie jedoch auch zur Auffassung zusammenhängender Bege¬ 
benheiten und längerer Gedankenreihen fort. Letztere ist die Aufmerksamkeit 
im strengsten Sinne, die für die höhern Zwecke des Lebens die einzig und allein 
fruchtbare ist. Sie besteht darin, daß sie das Zusammenhängende ruhig, ungestört, 
um den Erfolg umbekümmert ablaufen läßt, es fesselt und verbindet, ohne sich we¬ 
der von den plötzlich eintretenden sinnlichen Reizen, noch von den unwillkürlichen 
Einfällen beirren zu lassen. Hiebei liegt jedoch immer ein durch irgend ein In¬ 
teresse consolidirter Hauptgedanke zu Grunde, welcher die Leitung des Ganzen 
Vorstellungsverlaufes mehr oder minder übernimmt, das Verwandte an sich heran¬ 
zieht, das Heterogene unterdrückt oder es gar nicht aufkommen läßt. Die Auf¬ 
merksamkeit setzt somit immer eine geistige Reife voraus, sie ist nur innerhalb 
eines schon einigermaßen gebildeten Gedankenkreises möglich, und zwar gehört 
eine umfassende, durch Verstand und Vernunft geregelte Aufmerksamkeit zu den 
chwierigsten Aufgaben, die überhaupt an den menschlichen Geist gestellt werden 
können. Schon deshalb ist es bedenklich, Alltagsmenschen zu Richtern über Ver¬ 
brechen zu bestellen und ihnen den Vorzug vor geübten und gelehrten Männern 
zu geben, die unter täglicher Entwirrung der Finten und Schliche von Dieben 
und Gaunern grau geworden sind. Ueberdies bedarf es auch noch einer gewissen 
*) Waitz, Psychologie als Naturwissenschaft, § 55 insbesondere S. 632.
	        
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