Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
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1. Theil. Die Lehre vom Geiste. 
ohne den Besitz seines innern Sinnes neben dem äußern einer Wissenschaft 
der Natur ganz unfähig sein und bleiben würde. Zwar ist auch dem vollkomm¬ 
nen Thiere alle und jede innere Sinnesthätigkeit nicht abzusprechen, da ja auch 
in ihm die äußere Anschauung sich wieder verinnern, sich zum Gemeinbilde 
und insofern zum unvollkommenen Begriffe erheben kann; doch fehlt dem Thiere 
der innere Sinn insofern ganz und gar, als es, da es nur Bruchstück des äußern Univer¬ 
sums ist und für sich selbst keinen Bestand hat, sich selbst nicht als Subject, d. i. als 
Träger und Ursache seiner psychischen Erscheinungen zu erfassen vermag. Der innere 
Sinn öffnet sich dem Menschen später, als der äußere; seine Wirksamkeit tritt 
ein, wenn das Kind nach erlangter körperlicher Ausbildung und unter Einwir¬ 
kung eines andern bereits selbstbewußten Geistes von sich in der ersten und 
nicht mehr in der dritten Person redet, und in demselben Momente, wo dieses zum 
ersten Male geschieht, seinen ersten geistigen Geburtstag feiert. Auch sind die 
Wahrnehmungen durch den äußern Sinn durchweg klarer, als die durch den 
innern: darum sind die Bezeichnungen unserer innern Zustände meistens von dem 
außern Sinne entnommen. So sprechen wir von Deutlichkeit der Vorstellungen, 
von Weichheit des Gemüthes, von Stärke der Willenskraft. Der innere Sinn 
öffnet sich oft vorzugsweise dann, wenn der äußere Sinn sich schließt, wenn insbe¬ 
sondere das Reich der Sichtbarkeit für den Menschen aufhört. So schließen wir 
unwillkürlich die Augen und suchen einen stillen einsamen Ort, wenn wir uns 
ernster Selbstbetrachtung hingeben wollen. Die dann entstehende neue Welt 
ist derjenigen zu vergleichen, welche in der Dämmerung für uns auftritt, be¬ 
schienen von einem eigenthümlichen sanften Lichte, dem des Mondes ähnlich, im 
Gegensatze zu der blendenden und brennenden Sonne. So wie der äußere, 
so 
ist auch der innere Sinn anfangs mehr unentwickelte Anlage, als eigentliches 
Vermögen, und so wie jener, so kann auch dieser durch Uebung immer mehr und 
mehr vervollkommt werden. Die größere oder geringere Vollkommenheit des 
innern Sinnes richtet sich nach der weitern oder engern Grenze seines Wirkens 
überhaupt, insbesondere darnach: ob er a) der innern Objecte möglichst viele; 
ob er b) der Rücksichten an den innern Objecten möglichst viele; ob er c) die 
Gegenstände und deren Rücksichten in der gehörigen Ordnung und Verbindung 
vorstellen kann. Der innere Sinn erhält seine Ausbildung und Vervollkomm¬ 
nung keinesweges schlechtweg durch Unterdrückung der äußern Sinnesthätigkeit; 
gegentheils kann der innere Sinn durch gehörige Leitung und Regelung des¬ 
selben vermittelst des äußern Sinnes nur gewinnen. Umgekehrt erhalten auch 
die Vorstellungen des äußern Sinnes durch analoge Vorstellungen des innern 
ihre Ausbildung und Vollendung. Der innere Sinn erhält durch nichts 
so sehr seine Ausbildung, als durch ein regelmäßiges Studium der empirischen 
Psychologie. Den Ausdruck innerer Sinn statt inneres Wahrnehmungsvermögen
	        
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