Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Aeußerer Sinn. 
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Himmels verglichen hat. Aber es sind diese Vergleichungen bei den verschiedenen 
Individuen durchweg verschieden und manche derselben verdanken ihr Dasein mehr 
vorangegangenen Associationen als einer ursprünglichen Verwandtschaft. Gewiß ist 
aber, daß der Mensch nicht in fünf verschiedenen äußern Welten, sondern nur in einer 
einzigen lebt, welche alle Sinnengebiete umfaßt: eben so gewiß ist auch, daß es 
dem Menschen, ungeachtet des ursprünglichen wesentlichen Unterschiedes seiner 
äußern Empfindungen, unmöglich ist, sich anders als in einer einzigen, ungetheil¬ 
ten Sinnenwelt zu finden. Es muß folglich auch Mittel geben, wodurch die 
Vereinigung der einzelnen Sinnengebiete möglich ist, und zwar muß diese Ver¬ 
einigung, da sie der Erfahrung gemäß nicht auf Willkür und Zufall beruhet, an 
unabänderliche Gesetze gebunden sein *). Diese Vereinigung der einzelnen Sinnen¬ 
gebiete geschieht dadurch, daß wir 1) alle Objecte der äußern Wahrnehmung 
durch das allgemeine Band des Raumes und der besondern Bestimmungen des¬ 
selben, wie des Oben und Unten, der Nähe und der Ferne, mit einander ver¬ 
binden. Hiedurch haben wir wenigstens eine einige Raumwelt und die einzelnen 
Sinnengebiete haben durch diese ihre Verbindung in dem Raume schon eine 
größere einheitliche Verbindung: so wie der Raum selbst ein einiger ist, so bil¬ 
det auch Alles, was ihn erfüllt, eine einige Außenwelt. Jene Vereinigung ge¬ 
chieht 2) dadurch, daß wir diejenigen empfundenen Qualitäten, welche in Raum 
und Zeit sich decken, auf eine und dieselbe Substanz beziehen. So fordern wir 
für die räumlich und zeitlich zugleich wahrgenommene Ausdehnung, Form und 
Farbe, und für die damit verbundene Wahrnehmung eines Widerstandes nur 
eine Substanz, nicht mehrere. Insbesondere werden sichtbare Eigenschaften mit 
den Qualitäten anderer Sinne dann verbunden, wenn das Gesichtsobject auch 
in die Sphäre eines andern Sinnes tritt, wenn wir z. B. da, wo wir die ge¬ 
ehene Obstfrucht der Nase nähern, auch eine Geruchsempfindung und da, wo 
wir sie zu kosten versuchen, auch eine Geschmacksempfindung in uns wahrneh¬ 
men, Endlich geschieht diese Vereinigung 3) dadurch, daß wir alle Gegenstände, 
welche zugleich auf den Gesichtssinn und auf andere Sinne wirken, nach den 
Gesichtsempfindungen, die sie gewähren, benennen und beurtheilen und daß wir 
sogar, noch weiter gehend, selbst solche Gegenstände, welche den Gesichtssinn 
nicht afficiren, nach der Analogie von Gesichtsgegenständen uns vorstellen. So 
sagen wir: Gegenstand des Geschmackssinnes sind Säuren, Salze, Alkalien; 
Gegenstand des Gehörsinnes sind schwingende Bewegungen; Gegenstand des 
Tastsinnes sind Ausdehnungen, die den Raum erfüllen: und der Verstand ist 
befriedigt, wenn er die sinnlichen Empfindungen durch einen sichtbaren Gegen¬ 
stand stützen kann. Keinem Menschen aber fällt es ein, einen sichtbaren Gegen¬ 
*) Vgl. hicrüber auch Tourtual a. a. O. S. 14 ff.
	        
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