5 Fazit
5.5 Ausblick
Die hier referierten Befunde zu Gedächtnisfehlern in der LV zeigen, dass auch unter den
speziellen konzeptuellen und technischen Erhebungsbedingungen die Erinnerungsarbeit der
Teilnehmer den in Kapitel 2 und 3 referierten kognitionspsychologischen Gesetzmässigkeiten
des Vergessens und Fehlerinnerns folgt. Insofern steht einer eingehenderen, womöglich
empirischen, Untersuchung der retrospektiven Datenqualität auf dieser theoretischen
Grundlage nichts im Wege.
Auf der Grundlage der hier zusammengetragenen kognitiven Theorien und Befunde ist es
durchaus möglich, Hypothesen darüber zu formulieren, was für Gedächtniseffekte bei den
Daten der LV manifest werden müssten und in welchem Ausmaß. Deren Prüfung am
Datenmaterial würde aber die Entwicklung sinnvoller Maße für das Vorliegen und das
Ausmaß von gedächtnisbedingten Abweichungen voraussetzen. Eine grundlegende Frage, die
nach Möglichkeit zu klären wäre, betrifft dabei die analytische Trennung der einzelnen
Messfehlerkomponenten. Es müsste sich ein Weg finden lassen, die aufgrund verschiedener
Indikatoren aufgespürten Datenmängel aufzuschlüsseln nach gedächtnis- und anderweitig
begründeten Unklarheiten. Ein komplementärer Schritt dazu wäre die Abschätzung des
Dunkelfelds an Messfehlern - d.h. die Abschätzung des Ausmaßes an nirgendwo indizierten
oder sichtbar gewordenen (Erinnerungs-)Fehlern. Um das so gewonnene Bild abzurunden,
müsste ausserdem geklärt werden, was sich hinter solchen Indikatoren letztlich für ein
Ausmaß an Abweichungen verbirgt, im Sinne des sichtbaren und unsichtbaren Fehlers, wie sie
von Brückner (1995) konzeptualisiert wurden.
Eine weiterführende Frage betrifft die Bedingungen des Auftretens von Erinnerungsfehlern
bei der Rekonstruktion von Lebensverläufen in der LV (auch als Grundlage für präventive
Maßnahmen bei der Datenerhebung). Diese sollte zum einen für die LV insgesamt erfolgen,
aber auch differentiell für bestimmte Lebensbereiche, bestimmte Interviewfragen und
bestimmte kognitive Anforderungen. Auch die Differenzierung nach Teilnehmern und
Teilnehmergruppen wäre wünschenswert. Ändersherum wären auch differentielle Analysen
im Hinblick auf bestimmte Arten von Lebensverläufen notwendig, um datenseitige
Risikofaktoren genauer beleuchten zu können. Alle diese Faktoren können als Haupteffekte
und als Interaktionseffekte sowohl das absolute als auch das relative Ausmaß an
gedächtnisbedingter Fehlerhaftigkeit beeinflussen.
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