Volltext : Müller-Brettel, Marianne: ¬Die Diskussion der Arbeitslehre 1964 - 1979

Einleitung
Das  Problem,  wie  die  Schüler  auf  das  Leben  —  insbesondere  auf  die  Arbeitswelt  -durch -
  das  allgemeinbildende  Schulwesen  vorbereitet  werden  sollen,  beschäftigte
Pädagogen  wie  Politiker  schon  im  19.  und  in  der  ersten  Hälfte  des  20.  Jahrhunderts
(zum  Beispiel  Kindermann,  Harkort,  Pestalozzi,  Kerschensteiner,  Polytechnische
Bildung).  Mit  wenigen  Ausnahmen  (Polytechnische  Bildung)  beschränkte  sich  die
Diskussion  auf  das  niedere  Schulwesen.  Beim  Wiederaufbau  des  Schulwesens  in
der  Bundesrepublik  nach  1945  wurde  zunächst  der  Hinführung  zur  Arbeits-  und
Wirtschaftswelt  in  der  offiziellen  Schulpolitik  wenig  Beachtung  geschenkt,  nicht
zuletzt  aufgrund  der  Abgrenzungsbestrebungen  gegenüber  dem  Schulwesen  in  der
DDR,  dessen  Kernfach  die  Polytechnische  Bildung  ist.  Die  mit  der  Wirtschafts
und  Arbeitswelt  zusammenhängenden  Themen  wurden  zum  einen  dem  Fach
Sozialkunde  beziehungsweise  Heimatkunde  übertragen,  zum  anderen  wurde  die
Durchführung  von  speziellen  Veranstaltungen  zum  Kennenlernen  der  Arbeitswelt
wie  Betriebserkundungen  und  Betriebspraktika  außerschulischen  Institutionen  wie
den  Arbeitskreisen  Schule/  Wirtschaft  überlassen.
1964  veröffentlichte  der  Deutsche  Ausschuß  für  das  Erziehungs-  und  Bildungswe
sen  seine  Empfehlungen  zum  Aufbau  der  Hauptschule.  Danach  sollte  die  Hinführung -
  zur  Arbeits-  und  Wirtschaftswelt  einen  zentralen  Stellenwert  in  einer  reformierten -
  Hauptschule  einnehmen.  Damit  wurde  dieser  Unterrichtsbereich,  der  vom
Deutschen  Ausschuß  als  Arbeitslehre  bezeichnet  wurde,  zu  einem  Schwerpunkt  der
bildungspolitischen  und  pädagogischen  Diskussion  um  die  Reform  der  Hauptschule. -
  Dabei  zeichnete  sich  schon  sehr  bald  ab,  daß  die  fachdidaktische  nicht  von  der
bildungspolitischen  Diskussion  zu  trennen  ist.  So  forderten  immer  mehr  Fachdidaktiker -
  und  Erziehungswissenschaftler  bei  der  Entwicklung  curricularer  Ansätze
die  ihnen  zugrunde  liegenden  gesellschaftspolitischen  Prämissen  und  Interessen
offenzulegen.  Umgekehrt  bemühten  sich  sowohl  die  Kultusministerien  wie  auch
gesellschaftliche  Interessengruppen  (Arbeitgeberverbände,  Gewerkschaften,  Lehrerverbände) -
  —  die  sich  in  der  Diskussion  um  dieses  Fach  stark  engagierten  —,  ihre
Vorstellungen  pädagogisch  zu  begründen  beziehungsweise  pädagogische  Konzeptionen -
  aufzugreifen  und  ihren  Forderungen  zugrundezulegen.
In  den  15  Jahren  seit  dem  Erscheinen  der  Empfehlungen  des  Deutschen  Ausschusses -
  ist  es  aufgrund  der  politischen  und  pädagogischen  Kontroversen  um  dieses  Fach
zu  keiner  Einigung  über  eine  für  alle  Länder  verbindliche  und  von  allen  gesellschaftlichen -
  Interessengruppen  akzeptierte  Arbeitslehre  gekommen.  In  der  Zwischenzeit
ist  in  jedem  Land  der  Bundesrepublik  in  der  Hauptschule  ein  Lernbereich  bezie
hungsweise  ein  Unterrichtsfach  Arbeitslehre  eingeführt  oder  mindestens  in  der
Erprobung.  Zudem  besteht  über  bestimmte,  sehr  allgemeine  didaktische  Grundprinzipien -
  eine  gewisse  Übereinstimmung,  wie  zum  Beispiel  der  Praxisorientierung
und  dem  allgemeinbildenden  Charakter  dieses  Faches.  In  bezug  auf  die  konkrete
Ausgestaltung  jedoch  haben  sich  die  einzelnen  Positionen  eher  polarisiert  als
einander  angeglichen.  Strittig  sind  dabei  vor  allem  folgende  Fragen:
—
Soll  die  Arbeitslehre  Partei  ergreifen  für  die  Interessen  einer  bestimmten
gesellschaftlichen  Gruppe,  zum  Beispiel  für  die  Interessen  der  Lohnabhängigen,
oder  soll  sie  sich  an  einem  nicht  näher  bestimmten  und  seiner  konkreten  sozialen
Stellung  gegenüber  indifferenten  mündigen  Wirtschaftsbürger  orientieren?
Soll  als  didaktisches  Zentrum  die  Arbeit  oder  der  Beruf  gewählt  werden
Wie  sollen  die  verschiedenen  Teilbereiche  wie  Technik,  Ökonomie,  Politik  und
Freizeit  gewichtet  werden,  welche  Bedeutung  hat  die  sozioökonomische  Bildung
und  welcher  Stellenwert  kommt  einer  umfassenden  technischen  Bildung  bei  der
Erschließung  der  Gesetzmäßigkeiten  der  Produktion  zu?
Steht  die  Forderung  nach  Praxisorientierung  im  Widerspruch  zur  Forderung
nach  Wissenschaftsorientiertheit  dieses  Faches  oder  bedingen  sich  Praxisbezug
und  wissenschaftliches  Herangehen  gegenseitig?

Vorläufer
der  Arbeitslehre
Diskussion  um
die  Arbeitslehre
Probleme  bei  der
Einführung  der
Arbeitslehre
            
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