Einleitung
Das Problem, wie die Schüler auf das Leben — insbesondere auf die Arbeitswelt -durch -
das allgemeinbildende Schulwesen vorbereitet werden sollen, beschäftigte
Pädagogen wie Politiker schon im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
(zum Beispiel Kindermann, Harkort, Pestalozzi, Kerschensteiner, Polytechnische
Bildung). Mit wenigen Ausnahmen (Polytechnische Bildung) beschränkte sich die
Diskussion auf das niedere Schulwesen. Beim Wiederaufbau des Schulwesens in
der Bundesrepublik nach 1945 wurde zunächst der Hinführung zur Arbeits- und
Wirtschaftswelt in der offiziellen Schulpolitik wenig Beachtung geschenkt, nicht
zuletzt aufgrund der Abgrenzungsbestrebungen gegenüber dem Schulwesen in der
DDR, dessen Kernfach die Polytechnische Bildung ist. Die mit der Wirtschafts
und Arbeitswelt zusammenhängenden Themen wurden zum einen dem Fach
Sozialkunde beziehungsweise Heimatkunde übertragen, zum anderen wurde die
Durchführung von speziellen Veranstaltungen zum Kennenlernen der Arbeitswelt
wie Betriebserkundungen und Betriebspraktika außerschulischen Institutionen wie
den Arbeitskreisen Schule/ Wirtschaft überlassen.
1964 veröffentlichte der Deutsche Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswe
sen seine Empfehlungen zum Aufbau der Hauptschule. Danach sollte die Hinführung -
zur Arbeits- und Wirtschaftswelt einen zentralen Stellenwert in einer reformierten -
Hauptschule einnehmen. Damit wurde dieser Unterrichtsbereich, der vom
Deutschen Ausschuß als Arbeitslehre bezeichnet wurde, zu einem Schwerpunkt der
bildungspolitischen und pädagogischen Diskussion um die Reform der Hauptschule. -
Dabei zeichnete sich schon sehr bald ab, daß die fachdidaktische nicht von der
bildungspolitischen Diskussion zu trennen ist. So forderten immer mehr Fachdidaktiker -
und Erziehungswissenschaftler bei der Entwicklung curricularer Ansätze
die ihnen zugrunde liegenden gesellschaftspolitischen Prämissen und Interessen
offenzulegen. Umgekehrt bemühten sich sowohl die Kultusministerien wie auch
gesellschaftliche Interessengruppen (Arbeitgeberverbände, Gewerkschaften, Lehrerverbände) -
— die sich in der Diskussion um dieses Fach stark engagierten —, ihre
Vorstellungen pädagogisch zu begründen beziehungsweise pädagogische Konzeptionen -
aufzugreifen und ihren Forderungen zugrundezulegen.
In den 15 Jahren seit dem Erscheinen der Empfehlungen des Deutschen Ausschusses -
ist es aufgrund der politischen und pädagogischen Kontroversen um dieses Fach
zu keiner Einigung über eine für alle Länder verbindliche und von allen gesellschaftlichen -
Interessengruppen akzeptierte Arbeitslehre gekommen. In der Zwischenzeit
ist in jedem Land der Bundesrepublik in der Hauptschule ein Lernbereich bezie
hungsweise ein Unterrichtsfach Arbeitslehre eingeführt oder mindestens in der
Erprobung. Zudem besteht über bestimmte, sehr allgemeine didaktische Grundprinzipien -
eine gewisse Übereinstimmung, wie zum Beispiel der Praxisorientierung
und dem allgemeinbildenden Charakter dieses Faches. In bezug auf die konkrete
Ausgestaltung jedoch haben sich die einzelnen Positionen eher polarisiert als
einander angeglichen. Strittig sind dabei vor allem folgende Fragen:
—
Soll die Arbeitslehre Partei ergreifen für die Interessen einer bestimmten
gesellschaftlichen Gruppe, zum Beispiel für die Interessen der Lohnabhängigen,
oder soll sie sich an einem nicht näher bestimmten und seiner konkreten sozialen
Stellung gegenüber indifferenten mündigen Wirtschaftsbürger orientieren?
Soll als didaktisches Zentrum die Arbeit oder der Beruf gewählt werden
Wie sollen die verschiedenen Teilbereiche wie Technik, Ökonomie, Politik und
Freizeit gewichtet werden, welche Bedeutung hat die sozioökonomische Bildung
und welcher Stellenwert kommt einer umfassenden technischen Bildung bei der
Erschließung der Gesetzmäßigkeiten der Produktion zu?
Steht die Forderung nach Praxisorientierung im Widerspruch zur Forderung
nach Wissenschaftsorientiertheit dieses Faches oder bedingen sich Praxisbezug
und wissenschaftliches Herangehen gegenseitig?
Vorläufer
der Arbeitslehre
Diskussion um
die Arbeitslehre
Probleme bei der
Einführung der
Arbeitslehre