Full text: Sträter, Hermann Josef: Männerpredigten

II.

Wer bin ich? O was für ein schwaches Wesen ist doch der Mensch! Aus mir selbst bin ich gar nichts. Ein Geschöpf, armselig und hilf¬los an Leib und Seele. Alles, was ich bin und habe, danke ich Gott. Aus mir selbst kann ich nichts tun. ‘„Was hast du, das du nicht empfangen hättest? ’ (5. Kor. 4.7). Würde Gott in diesem Augenblick aufhören, mich am Leben zu erhalten, so versänke ich sofort ins Nichts zurück.

Wenn ich mich ehrlich betrachte und das Auge der Seele nicht vor mir schließe, so muß ich mir eingestehen, daß ich voller Schwä¬chen und Fehler bin. Wie unwissend ist mein verstand, wie hilflos mein Herz, wie ohnmächtig mein Wille! Zwar habe ich oft genug die schönsten Vorsätze gefaßt; aber wie häufig bin ich ihnen untreu geworden; und welche Mühe kostet es mich oft, ihnen zu folgen! Wie schwer müssen viele von uns gegen Anfechtungen und Versuchungen aller Art kämpfen! Wie stark ist oft der Hang zum Bösen, wie nahe liegt uns oft die Sünde! Hat nicht mancher zuweilen die Empfindung, als gehe sein Lebensweg hart am Rande der Hölle entlang?

Der hl. Augustinus hat von seiner Kindheit gestanden: ‘„Ein so kleiner Knabe und schon ein so großer Sünder."’ Vielleicht weist auch das Bild unseres Knabenalters manche trübe und schwarze Flecken auf. Und dann das Jünglingsalter, wo der Körper stärker, die Lebensfreude größer, der Herzschlag kräftiger, aber ach! vielleicht auch die Leidenschaft stürmischer wurde, und die Todsünde mit unheimlicher schwarzer Macht ihre Herrschaft aus¬übte ! Und die spätere Zeit: das Leben in der Familie, die Pflichten des Vaters und Gatten, die Arbeiten im Berufe, 0 war das alles zuweilen nicht voller Fehltritte, voller Sünden und Un- vollkommenheiten? Wie viele Tage lebten wir im Stande der Gnade? Wie viele im Stande der Todsünde? War vielleicht die Zeit, da die Sünde in unseren Herzen wohnte, viel, am Ende sehr viel länger als die Zeit der Liebe zu Gott und der heiligmachenden Gnade?

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer