Volltext : Kreuser, Martin: ¬Das katholische Mädchen im Spiegel biblischer Charakterbilder

—  102  -seelen -
  steigen  höher.  Vor  ihren  Augen  steht  das  Bild  des
guten  Heilandes,  jenes  Bild,  das  Magdalena  in  der  Tiefe
ihres  Unglücks  ergriffen,  gequält,  emporgehoben  und  zu  seinen
Füßen  gezogen  hat.  Dieser  Heiland,  der  ihr  gut  und  gnädig
gewesen  vom  ersten  Lichtstrahl,  den  sie  gesehen,  bis  zu  dieser
Stunde,  wo  sie  von  neuem  die  verzeihende  Gnade  sucht,  der
ist  von  ihr  beleidigt  worden.  Einen  schweren  Vorwurf
der  Undankbarkeit  empfinden  solche  Seelen.  Sie  müssen  sich
selbst  verachten,  weil  sie  so  unkindlich  gewesen,  so  unrecht
getan  haben.  In  der  Tiefe  regt  sich  aber  bereits  etwas
anderes,  etwas  Vollkommneres:  die  Liebe.  Wie  wunderbar,
daß  Gott  die  höchstverdienstliche,  vollkommene  Liebesreue  mit
dem  menschlichen  Mitleid  verschwistert  hat.  Wenn  gute
Menschen  leiden,  so  haben  wir  Mitleid.  Es  ist  nicht  Dankbarkeit, -
  nicht  Furcht,  sondern  das  reine  Mitleid  mit  solchen,
auch  wenn  uns  keine  Bande  der  Wohltaten  mit  ihnen  verbinden. -
  Wir  haben  das  uns  natürliche  Verlangen,  daß  es
guten  Menschen  gut  gehen  müsse.
Nun  Seele  und  Heiland.  Wie  leicht  sollte  einer  Mädchenseele -
  die  vollkommene  Reue  sein,  da  das  Herz  zum  Mitleid
und  zur  Mitfreude  geschaffen  ist.  Da  ist  das  Bild  des  göttlichen -
  Meisters,  an  dem  niemand,  auch  kein  Pharisäer,  einen
Flecken  finden  konnte,  der  ganz  schuldlose,  heilige  Gott;  der
Heiland,  der  nie  jemand  unrecht  getan,  der  nur  Schonung,
Verzeihung  kannte,  der  mit  unendlicher  Geduld  seine  Apostel
in  ihrer  Schwäche,  seine  Feinde  in  ihrer  Bosheit,  einen
Judas  in  seiner  Schlechtigkeit  ertragen  hat,  der  so  ganz
selbstlos  nur  für  andere  gelebt,  gebetet,  gewacht,  gearbeitet;
der  nicht  trotz,  sondern  wegen  seiner  endlosen  Güte  die
schrecklichsten  Verfolgungen  erleiden  mußte;  den  man  wegen
seines  liebevollen  Herzens  zu  Tode  verklagt,  verurteilt,  zur
Schande  gequält  und  gegeißelt,  zur  Empörung  verlacht,  verspottet -
  und  bis  zur  Unkenntlichkeit  zerhauen,  besudelt,  zerstört
hat.  Auf  der  Terrasse  des  Pilatus  hat  er  gestanden  als  Probeleistung -
  menschlicher  Grausamkeit  und  boshaftesten  Greuels
das  Ecce  homo.  So  hat  man  es  weiter  getrieben,  bis
man  seinem  Herzen,  das  noch  für  die  Feinde  gebetet,  den
letzten  Schmerz  und  den  letzten  Blutstropfen  abgequält  hat.
Digtalsierungsvorlage:
Erzbischöfliche  Diöze
Max  Planck  Institute  for  kluman  Developme
            
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