Full text: Hug, Gallus J.: ¬Die christliche Familie im Kampfe gegen feindliche Mächte

XXXVIII.
Christliche Familie und Arbeiter.

II.

In der christlichen Gesellschaft sind Arme und Reiche,
Herrschaften und Dienstboten, Arbeiter und Arbeitgeber;
diese Alle sind durch die hl. Taufe Kinder Gottes ge-
worden und sollen sich gegenseitig als Brüder und
Schwestern in Christo Jesu voll Ehrfurcht und hl. Scheu
hochachten. Diese Grundwahrheit sollte eigentlich genügen,
um die Stellung der christlichen Familie zum Arbeiter zu
begreifen. Da wir aber im Verständnisse der Wahrheit
oft so langsam und manche Pflichten gar nicht verstehen
wollen, so muß ich einzelne Punkte noch ganz besonders
hervorheben.

Im letzten Vortrage gab ich die nothwendigsten Winke
betreff der Sorge für das leibliche Wohl der Arbeiter.
So wichtig nun diese Pflicht für die Herrschaften und
Arbeitgeber, so giebt es gleichwohl noch eine andere, viel
wichtigere, von deren Erfüllung nicht bloß das zeitliche
Wohl der Arbeiter, sondern sogar das ewige Heil Aller
bedingt ist. Und das wäre? Die gegenseitige Pflicht
der christlichen Familie und der Arbeiter für ihr Seelen-
heil einander behülflich zu sein .

Was ich hierüber zu sagen habe, präget euch tief ein,
damit nicht auch hier in Erfüllung gehe des Herrn Wort:
‘„Viele sind berufen, aber wenige auserwählt.“’

Auch heute muß ich von der Familie ausgehen und
zwar von denen, welche dieselbe leiten. Da nun stellt
der hl. Paulus (I. Tim. V) den Hauptgrundsatz ganz
allgemein auf: ‘„Wenn aber Jemand für die Seinige
und besonders für die Hausgenossen nicht Sorge trägt,
der hat den Glauben verleugnet, und ist ärger als ein
Ungläubiger.“’
Wer also für das zeitliche und ewige
Wohl seiner Hausgenossen nicht sorgt, verleugnet den
Glauben, wenn nicht mit Worten, doch durch sein Leben,
der ist ärger als ein Heide, denn dieser ist nach dem
Naturgesetz für seine Familie besorgt.

Aber woher diese Pflicht? Aus der Natur der
Sache. Sehet einmal, Väter und Mütter vertrauen euch
ihre Söhne und Töchter an, bald als Knechte und Mägde,
bald als Lehrlinge und Gesellen, bald als Taglöhner, als
Fabrikarbeiter, oder auch als Kostgänger. Ihr wisset
nun, wie es so vielen Eltern wehe thut, daß sie ihre zarte
Jugend aus Armuth und Noth oder auch andern Gründen
nicht im Schoße der Familie behalten können. Sie ver-
trauen sie euch an. Was müssen sie verlangen, da sie
beim Abschied den Sohn, die Tochter mit thränen-
gefülltem Auge mahnen: ‘„Bleibe doch brav, bleibe doch
unschuldig!“’
– was müssen sie von euch verlangen?
Daß die Unschuld der Kinder in euerem Hause, in euerer
Fabrik, in euerer Gesellschaft vollkommen gesichert sei.
Sobald ihr daher solche Arbeiter annehmet, übernehmet
ihr auch die Sorge für ihr Seelenheil.

Aber noch höher steiget. Indem es Gott geleitet,
daß ihr Arbeiter beschäftigen könnet, hat er euch zu seinen
Stellvertretern an ihnen gemacht. Daher wird und muß
er die Seelen all dieser Arbeiter und Arbeiterinnen einst
auch aus euerer Hand zurückverlangen. Der hl. Augu-
stinus ( de civ. Dei . XIX 16) setzt diese Pflicht so tief-
sinnig und doch so einfach auseinander, wenn er sagt:
‘„Wenn auch unsere gerechten Väter Knechte hatten, so
besorgten sie doch den Hausfrieden derart, daß sie in
Bezug auf die zeitlichen Güter den Stand der Söhne
von dem der Knechte unterschieden, aber in Bezug auf
Verehrung Gottes, von welchem die ewigen Güter zu
hoffen sind, für alle Glieder des Hauses mit gleicher Liebe
besorgt waren. Die wahren Väter sorgen für Alle in der
Familie wie für ihre eigenen Kinder, daß doch Alle Gott
verherrlichen und einst im Himmel besitzen mögen.“’

Wenn also zuerst der Vater und dann mit ihm die
Familie die hl. Pflicht hat, für das Seelenheil der Arbeiter
besorgt zu sein, so sollet ihr, christliche Eltern, auch bedacht
sein, euere Kinder in guten Familien unterzubringen. Was
euere Lehrlinge, Gesellen, Dienstboten anbelangt, geht euch
der Pius-Verein durch das Lehrlingspatronat an die Hand.
Aber gerade dies Patronat ist eben auch ein Beweis, daß
wahrhaft christliche Familien immer seltener werden –
sonst wäre es ja gar nicht nothwendig – und bei aller
Vorsicht kommt doch mancher Sohn und besonders manche
Tochter in ein Haus, wo lange nicht alles Gold ist, was
glänzt. Ihr Alle aber, die ihr in Familien arbeitet, wo
man wirklich für euer Seelenheil besorgt ist, wo ihr keinen
Gefahren ausgesetzt seid, danket Gott täglich für diese
große Gnade; wenn daneben auch manches euch mißfällt,
bleibet doch in einem solchen Hause. Denn es ist doch
besser, hier etwas mehr zu leiden und in den Himmel zu
gelangen, als hier es bequemer und lustiger zu haben
und dann in die Hölle zu stürzen.

Doch wir müssen noch mehr in das Einzelne ein-
gehen. Denn, daß die Familie für das Seelenheil der
Arbeiter zu sorgen habe, ist wohl Allen klar; was sie aber
in Folge davon zu thun oder auch nicht zu thun habe,
das scheint Manchem unbekannt zu sein. Für's erste also
dürfet ihr niemals verdorbene Menschen weder in euer
Haus, noch in euere Geschäfte aufnehmen. Denn so
würdet ihr ja euch selbst oder euere Kinder oder andere
Arbeiter den Gefahren der Aergernisse und Verführung
aussetzen. Da könnet ihr nie strenge und vorsichtig genug

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