Full text: Matthias <von Bremscheid>: ¬Der christliche Mann in seinem Glauben und Leben

brachte die Nachmittage und Abende in munterer
Gesellschaft und beim Spiele zu. Sie hatte ein Dienst-
mädchen, das ihr treu ergeben war und mit großer
Willigkeit und Pünktlichkeit alle Pflichten seines schweren
Berufes erfüllte. Dasselbe war sehr religiös und
schöpfte aus seinem heiligen Glauben Kraft und Freu-
digkeit für die Mühen und Arbeiten seines Standes.
Eines Abends nun kam die Dame, wie gewöhnlich,
ziemlich spät nach Hause und fand auf dem Tische ein
geöffnetes Buch, in welchem ihr braves Dienstmädchen
eben eine Betrachtung gelesen hatte. Sie warf einen
flüchtigen Blick hinein und merkte sofort, daß es ein
christliches Erbauungsbuch war und sprach darum: ‘„O
du arme, melancholische Seele! wie kann es dir doch
Freude machen, in einem solchen Buche zu lesen.“’

Dann ging sie zur Ruhe, konnte aber nicht einschlafen.
Gedanken ganz ungewöhnlicher Art gingen ihr durch
den Kopf, endlich fing sie an, bitterlich zu zn (sic) weinen.
Die gute Dienerin hörte es, begab sich zu ihr und
frug mit treuer Besorgniß, was ihr fehle. Da brach
sie von neuem in Thränen aus und gab dann nach
einigen Augenblicken zur Antwort: ‘„Ach, ich habe in
deinem Buche ein Wort gelesen, das mir keine Ruhe
mehr läßt, das Wort ‘„Ewigkeit“’ . Der Gedanke an
die Ewigkeit hatte sie erfaßt und bewirkte nun ihre
vollständige Bekehrung. Sie erkannte jetzt auf einmal,
wie ihr Leben ein durchaus unchristliches und zweckloses
sei, entsagte den gefährlichen Vergnügungen und erbaute
in Zukunft Alle durch ihr christliches Tugendbeispiel.
Nicht minder wie dieser Weltdame kann es dem
kräftigen Manne nur vom größten Nutzen sein, wenn
er zuweilen von dem ganzen Ernste des Gedankens an
die Ewigkeit sich durchdringen läßt, wenn er manchmal
in ruhiger Stunde vor Gott überlegt, daß er eine
ewige Bestimmung hat.’

‘1. Christlicher Mann, du bist für die Ewigkeit
erschaffen. Du sollst dir durch dein Leben hienieden
eine glückliche Ewigkeit jenseits des Grabes verdienen.
Nicht Ehre, nicht Reichthum, nicht sinnliche Freude ist
das Ziel, für welches du erschaffen bist, sondern dein
Ziel ist Gott und seine ewige Seligkeit. Daran er-
innert dich der untrügliche Mund des gött-
lichen Heilandes
, wenn er spricht: ‘„ Was nützt
es dem Menschen, wenn er die ganze Welt
gewinnt, an seiner Seele aber Schaden
leidet
!“’
Was nützt es ihm, wenn er alle Güter
und Reichthümer der Welt, wenn er alle Ehren und
die Gunst der Großen und Mächtigen der Erde sich
erwirbt, aber für seine unsterbliche Seele keine Sorge
trägt und darum für alle Ewigkeit unglücklich wird.
Um Güter, die nur immer und ewig besitzen und die
uns Niemand rauben kann, sollen wir uns vor allem
bemühen; darum mahnt der göttliche Heiland weiter:
‘„ Sammelt euch nicht Schätze, welche die
Diebe ausgraben und Rost und Motten
verzehren, sondern sammelt Euch Schätze
für den Himmel
.“’
Um uns die ewige Seligkeit
des Himmels zu sichern, müssen wir zu jedem Opfer
bereit sein, müssen wir uns entschließen, eine böse Ge-
legenheit zur Sünde, mag sie unserem Herzen noch so
theuer sein, entschieden aufzugeben; darum spricht er:
‘„ Wenn dich deine Hand oder dein Fuß
ärgert, so haue sie ab und wirf sie von
dir; denn es ist dir besser, verstümmelt in
das ewige Leben einzugehen, als mit zwei
Händen und zwei Füßen in das ewige Feuer
verstoßen zu werden
.“’
Und was der Heiland
gelehrt, das verkündigt überall ohne Furcht und Zagen
seine heilige Kirche. Zu dem Fürsten wie zum Bett-
ler, zu dem Reichen wie zu dem Armen spricht sie:
Nicht für den Tand und Flitter dieser Welt bist du
erschaffen, sondern für größere und bessere Güter, die
du eine ganze Ewigkeit besitzen sollst. Tag für Tag,
ja Stunde für Stunde betet sie auf dem weiten Erden-
runde mit millionenstimmigem Munde: ‘„Ich glaube
an ein ewiges Leben.“’
Und was die Kirche glaubt
und betet, das haben mit tiefster Ueberzeugung geglaubt
die zahllos vielen heiligen Männer und Frauen des
Christenthums, deren Herz rein und edel war, und die
mit dem Glanze ihrer Tugend die Erde erleuchtet und
mit dem Segen ihrer Werke die Mit- und Nachwelt
erfreut haben. Und wo es heute noch Christen gibt,
die vor Sünde und Laster zurückschrecken und mit Ernst
nach Tugend streben und ihre Berufspflichten gewissen-
haft erfüllen, da blicken sie glaubensfest auf zum Him-
mel und schöpfen aus dem Gedanken an die ewige
Seligkeit Kraft zum Kampfe gegen die Leidenschaften
und zur Beharrlichkeit im Guten. Ueberall dagegen,
wo Sünde und Gemeinheit ihren Thron aufgeschlagen,
wo den Ehemännern das Gebot der ehelichen Treue
eine Last ist, die sie in ihrer Verkommenheit abschüt-
teln, wo die Jugend durch Ausschweifungen aller Art
die schönste Zeit des Lebens entweiht und schändet, da
und nur da lehnt sich der Mensch auf gegen den Glau-
ben an eine ewige Bestimmung, da und nur da möchte
er den Affen umarmen und ihn als seinen Urahnen
begrüßen mit den Worten: ‘„Ich bin nicht mehr wie
du.“’
Dich, christlicher Mann, wird das thörichte Ge-
rede solcher Männer nicht im mindesten beirren; das
Wort deines göttlichen Heilandes und seiner heiligen
Kirche, dieser erhabenen und großartigen Anstalt, wie
die Welt keine zweite je gesehen, das Wort und der
Glaube der Heiligen und treuen Christen steht dir höher,
unendlich höher als das Wort eines Ehebrechers und
einer verstandlosen und ausschweifenden Jugend.’

2. Du bist mehr wie die Blume, die auf der
Wiese steht, mehr wie der Wurm, der im Staube
kriecht. Die Hand des Kindes bricht die Blume ab,
wirft sie, nachdem es einige Augenblicke mit ihr ge-
spielt, hin und die Blume verdorrt. Du trittst den
Wurm auf dem Wege mit Füßen, er krümmt sich vor
Schmerz einigemal, dann stirbt er und sein Leben ist
für immer verschwunden. Du selbst aber wirst fortleben
auch nach deinem leiblichen Tode, du wirst in die Ewig-
keit eingehen, um dort, je nach deiner sittlichen Beschaffen-
heit, entweder ein Leben beständiger Freuden oder ein

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