Full text: Matthias <von Bremscheid>: ¬Der christliche Mann in seinem Glauben und Leben

dasselbe in sich ertödten will. Das Gewissen ist die
Stimme Gottes, des unendlich Heiligen und Gerechten;
das Gewissen sagt uns: Es gibt ein unendlich heiliges,
gerechtes, allgegenwärtiges, allsehendes unsichtbares
Wesen, das unsere Herzen gebildet hat, ein Wesen, vor
dem alle Menschen, auch die mächtigsten und höchst-
gestellten, auch die reichsten und angesehensten Rechenschaft
ablegen müssen über ihr ganzes Leben. Das Gewissen
ist unerklärlich ohne das Dasein Gottes, ohne die
Existenz eines höchsten Richters über alle Menschen.
Mit Recht sagt darum schon der heidnische Philosoph
Seneca: ‘„Ganz nahe bei dir ist Gott; er ist mit
dir und in dir; ja ein heiliger Geist thront in
uns, ein Beobachter und Wächter über Gutes und
Böses.“’

3. Wir glauben unerschütterlich fest an das Da-
sein Gottes; wir finden ja Gott überall in der
Geschichte der Menschheit
. ‘„Gehen wir hin nach
allen Richtungen der bewohnten Erde, durchstreifen wir
die Steppen der asiatischen Hochebene, schlagen wir
unsere Wohnung auf bei den wilden Stämmen der
Ureinwohner von Amerika, gehen wir hinauf bis zum
Eispol, dringen wir hinein in die glühende Sandwüste
des inneren Afrika, überall, wo nur ein menschliches
Wesen athmet, wenn auch noch so verwildert, da erhebt
sich sein Auge nach Oben; überall, wo eine menschliche
Intelligenz denkt, wenn auch auf der niedrigsten Stufe
der Entwickelung, da hat sie Gedanken des Göttlichen;
wo immer ein menschliches Herz schlägt, da wird es
durchschauert von Ahnungen des Ewigen. Und wo eine
menschliche Sprache tönt, wenn auch noch so arm und
noch so rauh, da hat sie doch ein Wort, das Gott nennt.
Und gehen wir in gleicher Weise zurück durch alle Jahr-
hunderte der Geschichte, so bewährt sich uns ein Wort,
das schon vor zweitausend Jahren Cicero gesprochen:
Kein Volk ist so roh und so wild, daß es
nicht den Glauben an einen Gott hätte
,
wenn es gleich sein Wesen nicht kennt . Seit-
dem sind Amerika, Australien entdeckt und durchforscht
worden, unzählige neue Völker sind eingetreten in die
Geschichte. Sein Wort steht unerschüttert, nur noch
mehr ward seitdem es bekräftigt. So viele Jahr-
tausende der Geschichte, so viele Beweise für dessen
Wahrheit.’

„Es ist dies eine universelle, unbestreitbare That-
sache; und eben darum kann sie nur Wahrheit ent-
halten; denn Dasjenige, worin die Natur
Aller übereinstimmt, kann nicht falsch sein
,
sagt der bereits angeführte Schriftsteller. Noch gründ-
licher aber beweist der hl. Thomas diesen Satz: ‘„Was
Alle gemeinsam aussprechen,“’
sagt er, ‘„dies kann un-
möglich falsch sein. Denn eine irrige Meinung ist
eine Schwäche des Geistes, ein Fehler desselben, kommt
demnach nicht aus dessen Wesen. Sie ist darum nur
zufällig eingetreten; was aber zufällig da ist, das
kann unmöglich immer und überall sein .
Einer kann einen irrigen, krankhaften Geschmack haben
in sinnlichen Dingen, aber nicht Alle. Eben so wenig
kann das Urtheil, das Alle in religiös-sittlichen Dingen
aussprechen, falsch sein“’
.

Doch vielleicht ist der Glaube an Gott nur die
Wirkung der Furcht gewesen, welche gewaltige Natur-
erscheinungen, wie Blitz und Donner, Sturm und Erd-
beben manchen Menschen einflößen? Aber haben denn
bloß schüchterne Kinder, furchtsame Frauen, haben bloß
Unwissende und Kleinmüthige an Gott geglaubt? Waren
es nicht gerade die besten und muthigsten Männer, die
größten Naturforscher, die tiefsten und gelehrtesten
Philosophen, welche den Glauben an das Dasein Gottes
hegten? Bei ihnen kann doch unmöglich kindische Furcht
diesen Glauben erzeugt haben. Zudem ist die religiöse
Furcht ganz verschieden von jener sinnlichen Furcht,
welche Manche bei gewaltigen Naturerscheinungen em-
pfinden; die religiöse Furcht ist Ehrfurcht , sie ist
heilige Gottesfurcht. Und die Religion ist nicht bloß
Furcht Gottes, sie ist vor Allem Liebe zu Gott . Die
größten und edelsten Thaten, zu denen die Religion an-
gespornt, die reichsten Ströme von Segen, welche sie
über die Gesellschaft ausgebreitet hat, sind hervorge-
gangen aus jener innigen und starken Liebe zu Gott,
welche sie im Herzen der Menschen anzündete. Was hat
diese Liebe zu thun mit jener feigen Furcht, welche Kinder
und Frauen bei Blitz und Donner an den Tag legen?

Doch dann haben vielleicht die Priester und Staats-
männer den Glauben an das Dasein Gottes erfunden,

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