Die heutige Vererbung des bäuerl. Grundbesitzes. Die Marsch usw. Die Insel Fehmarn. 515
Buchführung — freilich nicht die doppelte, aber Aufzeichnung von Einnahmen und
Ausgaben, vielfach mit Inventur-Aufnahme — ist allgemein verbreitet. Einige haben eine
vollständig kaufmännische Buchführung.
Alles in allem ist der Stand der geistigen Bildung in der Bauernschaft der Elbmarsch
so hoch, wie es in dieser Berufs- und Besitzklasse möglich erscheint — der wohlhabende
Marschbauer steht darin hinter dem ostdeutschen Gutsbesitzer im ganzen kaum zurück:
dabei kennt man, soweit ich beobachten konnte, nicht die anderwärts zu bemerkende Überhebung -
gegenüber den Standesgenossen von geringerer Schulbildung. Man verkehrt untereinander, -
und auch die einfachen Leute — Männer wie Frauen — zeichnen sich durch ein
freies, selbstbewußtes, dabei wohlgesittetes und liebenswürdiges Auftreten aus. Dr. STEnVE
meint, man könne die Hofbesitzer seiner Heimat mit dem amerikanischen Farmer
treffend in Vergleich stellen. Der Herausgeber hat die nordamerikanischen Farm- und
Viehzuchtsdistrikte nach allen Richtungen durchstreift, kennt dort aber kein Gebiet, das nach
dem wirtschaftlichen und geistigen Durchschnittsstande der Farmer mit den Elbmarschen
auf eine Stufe zu stellen wäre.
Viel haben zur Erweiterung des Gesichtskreises die lebhaften Beziehungen ihrer Bewohner -
zu den überseeischen Ländern beigetragen. In sehr großer Zahl sind Bauernsöhne
und Töchter nach Jowa, Nebraska usw. übergesiedelt, andere sind Schafzüchter in Montana,
Spricht man auf den Höfen oder in den Häusern der Altsitzer vor, so trifft man gar nicht
selten junge Leute, die aus Amerika zum Besuche gekommen sind, oder alte, die von ihrem
letzten Besuch bei ihren Kindern „drüben“ erzählen. Manche, die jahrzehntelang in Schottland, -
in Chile usw. Verwalter, in Nordamerika Farmer gewesen sind, haben sich mit dem
draußen erworbenen Vermögen wieder dauernd in der Heimat seßhaft gemacht; wäre es doch
nirgendwo in der Welt so schön wie in der Elbmarsch. Auch unter den Kätnern und Tagelöhnern -
gibt es viele, die weit herumgekommen sind, die kanadische Pacificbahn bauen
halfen, in Australien Gold gegraben haben oder lange Jahre als Schiffsleute gefahren sind.
Kapitel IV. Die westlichen Grenzgebiete der holsteinischen Geest.
I. Wirtschaftliche und soziale Verfassung.
Die Bodenbeschaffenheit dieser Bezirke ist im allgemeinen die gleiche
wie weiter ostwärts auf der Geest: Geschiebesand mit zahlreichen Findlingen.
die Talsenkungen regelmäßig mit Flachmooren gefüllt, die namentlich in
den Niederungen der Eider und Gieselau, der Holsten- und Burgerau,
sowie im Flußgebiet der Stör weit ausgedehnt sind. Es finden sich Strecken
eines milden humusreichen Lehmbodens sowohl auf der ditmarscher Vorgeest
(Kirchspiele Hemmingstedt, Neuhastedt, Südermeldorfer Geest und Albers
dorf), als östlich von der Krempermarsch im Kreise Steinburg
Überall ist der Ertrag des Ackerlandes neuerdings durch reichliche
Verwendung von künstlichem Dünger außerordentlich gesteigert, schlechte
in gute Weide verwandelt worden. In beträchtlicher Ausdehnung bringt
man seit einiger Zeit Heideland in landwirtschaftliche Kultur; ein Heidekulturverein -
und die Landwirtschaftskammer der Provinz haben dazu durch
Versuchsfelder, durch Lieferung von Dünger und Saatgut Anleitung und
Anregung gegeben. Auch ist vielfach Heideland aufgeforstet worden.*) Der
Kornbau ist allmählich mehr zurückgetreten, dafür die Jungviehzucht zum
’) So hat sich in Albersdorf eine Heidebewaldungs-Genossenschaft gebildet, die Land
zusammenkaufte und im ganzen schon 62 ha aufforstete.