Full text : Lebensverläufe und gesellschaftlicher Wandel (Teil 3)

12  -Auch -
  bei  Einbeziehung  externer  (meist  historischer)  Daten  bildeten  die  Angaben  der  Befragten
immer  die  Grundlage  für  das  Verständnis.  Wie  in  den  Abschnitten  über  die  Verfahrensregeln  noch  im
einzelnen  beschrieben  wird,  handelt  es  sich  bei  vielen  editorischen  Eingriffen  um  Verschiebungsbzw. -
  Umsortierungsprozesse  (von  Daten  auf  Fallebene).
Zur  Veranschaulichung  seien  hier  einige  Beispiele  angeführt,  die  typisch  sind  für  die  Möglichkeit  und
Berechtigung  eines  solchen  Datentransfers.
In  der  Rekonstruktion  ihrer  Wohngeschichte  vergaßen  Befragte  manchmal  bestimmte  (temporäre)  Phasen
eines  Orts-  oder  Haushaltswechsels  zu  erwähnen,  die  dann  in  der  (im  Interview  zu  einem  späteren
Zeitpunkt  behandelten)  Erwerbsgeschichte  auftauchten.  Insbesondere  wurden  leicht  Zeiten  vergessen,  in
denen  Befragte  zur  Ausbildung  (im  Haushalt  des  Lehrmeisters  oder  im  Heim)  auswärts  wohnten  sowie
Tätigkeiten,  häufiger  noch  „Dienste“  (wie  Reichsarbeitsdienst,  Kriegseinsätze),  die  sie  an  anderen  als
ihren  Heimatorten  ausübten.  Aufgrund  der  Frage  nach  „Kost  und  Logis",  aber  auch  anhand  des  Berufsstatus, -
  konnte  leicht  identifiziert  werden,  daß  es  sich  hier  um  eine  Phase  handelte,  die  in  die  Wohngeschichte -
  aufgenommen,  das  heißt  aufgrund  der  vorhandenen  Daten  nachgetragen,  werden  kann.
Umgekehrt  konnte  auch  die  Wohngeschichte  Aufschluß  darüber  geben,  ob  alle  verschiedenen  Arbeits
stellen  im  Erwerbsverlauf  richtig  nachgezeichnet  waren.  Bei  häufigem  Arbeitsplatzwechsel  (in  einer
gleichbleibenden  Tätigkeit  wie  z.B.  in  der  Landwirtschaft  oder  Gastronomie  und  in  Privathaushalten)
konnte  es  schon  vorkommen,  daß  Phasen  vergessen,  bzw.  mehr  Stellen  zusammengezogen  wurden.  Über
Veränderung  des  Haushaltstyps  oder  der  Wohnform  oder  vor  allem  durch  Ortswechsel  aufgrund  beruflicher -
  Veränderungen  waren  solche  vergessenen  Abschnitte  des  Erwerbsverlaufs  dann  aus  der  Wohngeschichte -
  zu  entnehmen
Der  Vergleich  der  beiden  (großen)  Verlaufsteile  bildete  das  wichtige  Kernstück  der  Edition  und
war  oft  ausschlaggebend  für  die  Weiterbehandlung  eines  Falles.  Mangelnde  Synchronizität  bedingte
meist  eine  Aussonderung  des  Falles  und  in  der  Regel  Nachrecherchen  beim  Befragten,  da  auch  die
übrigen  Angaben  bzw.  weitere  Fragenbereiche  in  Zweifel  gezogen  werden  mußten.
Obwohl  die  Verlaufsteile  eine  besonders  gute  Möglichkeit  zur  Abgleichung  von  Daten  bieten,  sind
diese  zwar  zentral,  aber  nicht  als  die  einzigen  editorischen  Anhaltspunkte  zu  sehen,  vielmehr  muß  das
gesamte  Datenpotential  jedes  Einzelfalles  als  Basis  mit  herangezogen  werden,  da  -  wenn  auch  in
unterschiedlichsten  Verknüpfungen  -  fast  alle  einzelnen  Angaben  sich  gegenseitig  bedingen  und
ergänzen  sowie  auch  erklären  können.  Die  Abbildung  1  auf  der  nächsten  Seite  versucht  einen
Überblick  über  die  Querverweise  zu  geben.
Zusammenfassend  kann  man  die  wichtigsten  Voraussetzungen  und  Grundprinzipien  dieses  Editionsverfahrens -
  auf  eine  Kurzformel  bringen:  kohortenspezifisch,  einzelfallbezogen  und  bereichsübergreifend. -
  Nur  durch  das  Verständnis  aller  Zusammenhänge  des  individuellen  Verlaufs  konnten  die
vielen  Einzeldaten  eines  Falles  quasi  „evaluiert"  werden.  Insofern  war  die  Edition  auch  eine  notwendige -
  Vorarbeit  für  die  spätere  Codierung,  die  -  am  Einzeldatum  orientiert  -  diesen  Prozeß  der
Klärung  nicht  mehr  leisten  konnte.
            
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