Metadata : Sammlung juristisch- philosophisch- und critischer Abhandlungen ([1] (1742))

54  Betrachtung  uͤber  das  bekannte
Sache  der  Tugend  vieles  wieder  sich  habe?  Wer
wird  es  uns  verdenken,  wenn  wir  daher  glauben
daß  GOtt,  als  das  liebreicheste  Wesen,  durch
eine  Offenbahrung  der  guten  Sache  zu  hulfe  gekommen -
  sey,  um  den  Menschen  mehr  dringende
und  einnehmende  Bewegungsgrunde  vorzulegen?
Doch  es  ist  Zeit,  daß  ich  es  wage  die  andere
Frage  zu  beantworten.  Man  wolte  wissen:  Warum -
  uns  GOtt  nicht  eine  andere  Form  gegeben
wobey  die  erzaͤhlten  Schwierigkeiten  nicht  Platz
fuͤnden?  Was  muͤste  er  wol  machen  koͤnnen,  wenn
dies  seyn  sollte?  Erstlich  musten  die  vergangenen
und  kuͤnftigen  Empfindungen  uns  eben  so  stark
ruhren,  als  die  gegenwaͤrtigen?  Zweytens  muͤste
der  ganze  Zusammenhang  der  Welt  so  beschaffen
seyn,  daß  das  Laster  nimmer  der  Strafe  entfliehen -
  und  die  Tugend  nimmer  ohne  oͤffentlichen  Sieg
bleiben  koͤnnte.  Drittens  muste  das  Vergnugen,
welches  die  Tugend  gewaͤhret,  die  Einbildungskraft -
  eben  so  stark  und  angenehm  beschaftigen,  als
die  lasterhafte  Lust.
Wer  ist  ein  so  dreister  Nachfolger  Alphonsus
des  X.  Daß  er  Einsicht  genug  zu  haben  glaubte,
die  Moͤglichkeit  dieser  Dinge  bey  dem  Menschen
zu  behaupten.  Wenn  ich  auch  durch  die  Eigenschaften -
  des  hoͤchsten  Wesens,  wie  man  es  aus
der  Anschauung  dieser  Welt  wahrnehmen  kan,
nicht  uͤberzeuget  waͤre,  daß  GOtt  die  Creatur,
welche  der  Mensch  heisset,  wurde  gluͤcklicher  eingerichtet -
  haben,  wann  er  es  gekonnt  hatte;  so
würde  ich  doch  viel  zu  furchtsam  seyn,  die  Möglichkeit -

Voage
Staatsbibliothek
Max-Planck-Institut  für
zu  Berlin
            
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