54 Betrachtung uͤber das bekannte
Sache der Tugend vieles wieder sich habe? Wer
wird es uns verdenken, wenn wir daher glauben
daß GOtt, als das liebreicheste Wesen, durch
eine Offenbahrung der guten Sache zu hulfe gekommen -
sey, um den Menschen mehr dringende
und einnehmende Bewegungsgrunde vorzulegen?
Doch es ist Zeit, daß ich es wage die andere
Frage zu beantworten. Man wolte wissen: Warum -
uns GOtt nicht eine andere Form gegeben
wobey die erzaͤhlten Schwierigkeiten nicht Platz
fuͤnden? Was muͤste er wol machen koͤnnen, wenn
dies seyn sollte? Erstlich musten die vergangenen
und kuͤnftigen Empfindungen uns eben so stark
ruhren, als die gegenwaͤrtigen? Zweytens muͤste
der ganze Zusammenhang der Welt so beschaffen
seyn, daß das Laster nimmer der Strafe entfliehen -
und die Tugend nimmer ohne oͤffentlichen Sieg
bleiben koͤnnte. Drittens muste das Vergnugen,
welches die Tugend gewaͤhret, die Einbildungskraft -
eben so stark und angenehm beschaftigen, als
die lasterhafte Lust.
Wer ist ein so dreister Nachfolger Alphonsus
des X. Daß er Einsicht genug zu haben glaubte,
die Moͤglichkeit dieser Dinge bey dem Menschen
zu behaupten. Wenn ich auch durch die Eigenschaften -
des hoͤchsten Wesens, wie man es aus
der Anschauung dieser Welt wahrnehmen kan,
nicht uͤberzeuget waͤre, daß GOtt die Creatur,
welche der Mensch heisset, wurde gluͤcklicher eingerichtet -
haben, wann er es gekonnt hatte; so
würde ich doch viel zu furchtsam seyn, die Möglichkeit -
Voage
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zu Berlin