Inhaltsverzeichnis : Kratochwill, Anton Rudolf: ¬Die Armenpflege der k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien

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dorbenheit  mag  übrigens  noch  so  groß  seyn;  denn  nie  hört  der  Mensch
auf,  Mensch,  unser  Bruder  zu  seyn.  Eine  fernere  Eigenschaft,
welche  bei  dem  Armenpfleger  unerläßlich  ist,  besteht
5.  in  einem  rastlosen  Eifer,  einer  unermüdeten  Thätigkeit  und
bewährten  Uneigennützigkeit  im  Berufsamte.  Diese  Eigenschaften
werden  ihn  über  alle  Schwierigkeiten  hinwegführen,  und  ihn  stark
machen  gegen  die  Hindernisse,  die  ihm  auf  seinem  Wege  begegnen,
sie  werden  ihm  neue  Handlungsweisen  an  die  Hand  geben,  wenn
die  älteren  nicht  mehr  förderlich  seyn  wollen;  sie  werden  ihn  lehren,
mit  der  Einfalt  Geduld  zu  haben,  gegen  schwache  und  empfindliche
Charaktere  nachsichtig  zu  seyn  und  gegen  verhärtete  Gemüther  sich
liebreich  und  beharrlich  zu  betragen.  Eine  weitere  vorzügliche  Zierde
eines  Armenpflegers  ist
6.  eine  strenge  Gewissenhaftigkeit  und  Unparteilichkeit  in  der
Erfüllung  seiner  Pflichten,  namentlich  bei  der  Erhebung  der  Dürftigkeit ¬
  und  der  hieraus  abzuleitenden  Qualifikation  des  Armen  für  eine
Unterstützung  oder  Versorgung.  Er  soll  das  Interesse  der  Armen  und
der  zu  ihrer  Unterstützung  oder  Versorgung  bestehenden  materiellen
Kräfte  stets  vor  Augen  haben  und  immer  ein  heilbringendes  Verhältniß ¬
  zwischen  dem  Bedürfnisse  und  Beistande  hervorzurufen  suchen.
Da  die  Resultate  der  Amtsverrichtungen  der  Armenpfleger  in  gewisse
faßliche  Formen  eingekleidet  werden  müssen,  um  sie  zur  Kenntniß
der  vorgesetzten  Behörde  zu  bringen,  so  ist  es
7.  unumgänglich  nothwendig,  daß  der  Armenpfleger  jenen  Grad
der  wissenschaftlichen  Ausbildung  und  der  mechanischen  Fertigkeiten,
d.  i.  Lesen,  Schreiben,  Rechnen  u.  dgl.  besitze,  um  seine  Anträge,
welche  der  vorgesetzten  Behörde  zur  Entscheidung  vorgelegt  werden
müssen,  nicht  allein  gehörig  begründen,  sondern  auch  faßlich  darstellen ¬
  zu  können.
8.  Es  ist  zwar  nicht  unumgänglich  nothwendig,  jedoch  wünschenswerth, ¬
  daß  der  Armenpfleger  mit  allen  diesen  Eigenschaften
auch  noch  die  des  Wohlstandes  verbinde,  weil  er,  wenn  er  von  Eifer
und  Liebe  für  die  gute  Sache  beseelt  ist,  einerseits  materielle  Hilfe
zu  leisten  im  Stande  ist,  anderseits  aber  durch  eben  diese  Eigenschaft ¬
  nach  dem  gegenwärtigen  Zeitgeiste  bei  den  unteren  Volksklassen ¬
  in  seinem  Ansehen  nur  gewinnt.
            
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