Full text : Staudinger, Ursula M.: Handbuch zur Erfassung von weisheitsbezogenem Wissen

IEXT3
Es  waren  einmal  ein  Brüderchen  und  ein  Schwesterchen,  die  hatten  sich  herzlich  lieb.  Sie  hatten
aber  eine  Stiefmutter,  die  war  ihnen  nicht  gut.  Eines  Tages  sah  Brüderchen,  wie  die  böse
Stiefmutter  heimlich  eine  Suppe  zusammenbraute;  sie  wollte  die  beiden  Kinder  vergiften.
Also  zogen  sie  sich  geschwind  an  und  gingen  fort.  Als  die  Stiefmutter  bemerkte,  daß  die
Kinder  fort  waren,  schickte  sie  drei  Knechte  nach,  sie  sollten  die  Kinder  einfangen.  Die  Kinder
aber  saßen  am  Waldrand,  und  als  sie  die  Knechte  herankommen  sahen,  sprach  Brüderchen  zum
Schwesterchen:  "Verläßt  du  mich  nicht,  so  verlaß  ich  dich  auch  nicht."  Da  sprach
Schwesterchen:  "Nie  und  nimmermehr."  Da  sagte  Brüderchen:  "Werde  du  zum  Rosenstöck-chen
und  ich  zum  Röschen  oben  darauf."  Die  drei  Knechte  aber  sahen  die  Kinder  nicht  und  kehrten
unverrichteter  Dinge  zurück.  Die  Stiefmutter  schalt  sie  und  machte  sich  nun  selbst  auf  die  Beine,
um  die  Kinder  zu  suchen.
Die  beiden  Kinder  sahen  sie  immer  näherkommen,  und  Brüderchen  sprach  zum  Schwesterchen:
  "Verläßt  du  mich  nicht,  so  verlaß  ich  dich  auch  nicht."  Da  sprach  Schwesterchen:  "Nie
und  nimmermehr."  Da  sagte  Brüderchen:  "Werde  du  zum  Teich  und  ich  die  Ente  darauf."  Die
Stiefmutter  aber  kam  herzu,  und  als  sie  den  Teich  sah,  legte  sie  sich  darüber  hin,  um  die  Ente  zu
fangen.
Aber  die  Ente  kam  schnell  geschwommen,  faßte  sie  mit  ihrem  Schnabel  beim  Kopf  und  zog
sie  ins  Wasser  hinein.  Da  mußte  die  alte  Hexe  ertrinken,  und  die  Kinder  gingen  zusammen  nach
Hause  und  waren  herzlich  froh.
            
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