Volltext : Psychologie. ¬Die Lehre vom Gefühls- und Begehrungs-Vermögen (Th. 2)

Max.

419
Liebe.  Geschlechtsliebe  insbesondere.  §  95.
ein
von  allen  übrigen  Regungen  des  menschlichen  Gemüths  unterscheidet,  erfolgt
heftiges,  durch  das  Geschlechtsverhältniß  ganz  eigenthümlich  modificirtes  Begehein -

ren  der  geliebten  Person,  eine  unnennbare  Sehnsucht  nach  derselben  und
mit
heißes  Verlangen  nach  inniger  Vereinigung  und  nach  geistiger  Verbindung
ihr.  Dieser  zweite  Moment  der  Geschlechtsliebe  ist  ein  gemischter  Zustand,  der  sich
zwar  mehr  zur  Freude  oder  zur  Hoffnung  hinneigt,  mit  einer  Sehnsucht  und
grenzenloser  Wonne  gepaart  ist  und  dem  sich  jeden  Augenblick  ein  Himmel  von  neuen
Glückseligkeiten  öffnet;  doch  wird  diese  Seelenwonne  auch  einerseits  durch  Scheu
und  Furcht  getrübt,  dem  geliebten  Gegenstande  mit  Festigkeit  und  Vertrauen  zu
nahen  und  durch  das  Bekenntniß  der  Liebe  seinem  gepreßten  Herzen  Luft  zu  machen, -
  so  wie  andererseits  durch  die  Furcht  gelähmt,  durch  die  Nichterwiederung,
Geringschätzung  oder  gar  Verachtung  der  eingestandenen  Liebe  mit  einem  Male
alle  Hoffnungen  vereitelt,  alle  Glückseligkeit  zertrümmert  zu  sehen.  Dieses  zweite
Stadium  der  Liebe  ist  der  Zustand  des  Verliebtseins,  noch  nicht  die  wahre
Liebe,  die  durchaus  Gegenliebe  fordert.  Es  ist  eine  schwermüthige,  zwischen  Hoffnung -
  und  Furcht  schwebende  Sehnsucht,  die  aber  wegen  ihres  allmähligen  Wechels -
  und  ihres  leichten  Ueberganges  von  dem  einen  Gefühle  in  ein  anderes  die  ihr
eigenthümliche  Wonne  gewährt*).  Endlich  oft  nach  langem  Zaudern,  nach  manchem
nicht  zur  Ausführung  gekommenen  Vorsatze,  wagt  es  der  Mensch,  seinen  geliebten
Gegenstand  mit  den  innersten  Angelegenheiten  seines  Herzens  bekannt  zu  machen,
was  oft  sprachlos,  oft  linkisch  geschieht.  In  diesem  Zustande  des  leidenschaftlichen
Begehrens  des  geliebten  Gegenstandes  steigern  sich  die  Gefühle  des  Liebenden
mit  jedem  Anscheine  von  Gegenliebe  und  wecken  in  ihm  einen  wonnevollen
Affect,  der  ihn  nicht  selten  ganz  hinreißt  und  in  Ekstase  versetzt:  die  Gegenliebe
stellt  sich  aber  unter  den  sonstigen  begünstigenden  Umständen  um  so  eher  ein,  als
es  schon  der  Eigenliebe  schmeichelt,  sich  von  einer  andern  Person  geachtet  und
geliebt  zu  wissen  und  das  empfängliche  Herz  sich  so  leicht  demjenigen  öffnet,  der
*)  Diese  beiden  Elemente  der  hoffenden  und  fürchtenden  Liebe  finden  wir  vortrefflich  aus¬Liede -
  bei  Göthe:
gedrückt  in  folgendem
Freudvoll  und  leidvoll,  gedankenvoll  sein
Hangen  und  Bangen  in  schwebender  Pein;
Himmelhoch  jauchzen,  zum  Tode  betrübt:
Glücklich  allein  ist  die  Seele,  die  liebt.
Ganz  anders,
aber  weniger  aus  der  Tiefe  der  menschlichen  Natur  singt  Schiller:
O  zarte  Sehnsucht,  süßes  Hoffen,
Der  ersten  Liebe  goldne  Zeit
Das  Auge  sieht  den  Himmel  offen,
Es  schwelgt  das  Herz  in  Seligkeit.
O  daß  sie  ewig  grünen  bliebe
Die  schöne  Zeit  der  jungen  Liebe!
forsch
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.

powered by Goobi viewer