Max.
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Liebe. Geschlechtsliebe insbesondere. § 95.
ein
von allen übrigen Regungen des menschlichen Gemüths unterscheidet, erfolgt
heftiges, durch das Geschlechtsverhältniß ganz eigenthümlich modificirtes Begehein -
ren der geliebten Person, eine unnennbare Sehnsucht nach derselben und
mit
heißes Verlangen nach inniger Vereinigung und nach geistiger Verbindung
ihr. Dieser zweite Moment der Geschlechtsliebe ist ein gemischter Zustand, der sich
zwar mehr zur Freude oder zur Hoffnung hinneigt, mit einer Sehnsucht und
grenzenloser Wonne gepaart ist und dem sich jeden Augenblick ein Himmel von neuen
Glückseligkeiten öffnet; doch wird diese Seelenwonne auch einerseits durch Scheu
und Furcht getrübt, dem geliebten Gegenstande mit Festigkeit und Vertrauen zu
nahen und durch das Bekenntniß der Liebe seinem gepreßten Herzen Luft zu machen, -
so wie andererseits durch die Furcht gelähmt, durch die Nichterwiederung,
Geringschätzung oder gar Verachtung der eingestandenen Liebe mit einem Male
alle Hoffnungen vereitelt, alle Glückseligkeit zertrümmert zu sehen. Dieses zweite
Stadium der Liebe ist der Zustand des Verliebtseins, noch nicht die wahre
Liebe, die durchaus Gegenliebe fordert. Es ist eine schwermüthige, zwischen Hoffnung -
und Furcht schwebende Sehnsucht, die aber wegen ihres allmähligen Wechels -
und ihres leichten Ueberganges von dem einen Gefühle in ein anderes die ihr
eigenthümliche Wonne gewährt*). Endlich oft nach langem Zaudern, nach manchem
nicht zur Ausführung gekommenen Vorsatze, wagt es der Mensch, seinen geliebten
Gegenstand mit den innersten Angelegenheiten seines Herzens bekannt zu machen,
was oft sprachlos, oft linkisch geschieht. In diesem Zustande des leidenschaftlichen
Begehrens des geliebten Gegenstandes steigern sich die Gefühle des Liebenden
mit jedem Anscheine von Gegenliebe und wecken in ihm einen wonnevollen
Affect, der ihn nicht selten ganz hinreißt und in Ekstase versetzt: die Gegenliebe
stellt sich aber unter den sonstigen begünstigenden Umständen um so eher ein, als
es schon der Eigenliebe schmeichelt, sich von einer andern Person geachtet und
geliebt zu wissen und das empfängliche Herz sich so leicht demjenigen öffnet, der
*) Diese beiden Elemente der hoffenden und fürchtenden Liebe finden wir vortrefflich aus¬Liede -
bei Göthe:
gedrückt in folgendem
Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein
Hangen und Bangen in schwebender Pein;
Himmelhoch jauchzen, zum Tode betrübt:
Glücklich allein ist die Seele, die liebt.
Ganz anders,
aber weniger aus der Tiefe der menschlichen Natur singt Schiller:
O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
Der ersten Liebe goldne Zeit
Das Auge sieht den Himmel offen,
Es schwelgt das Herz in Seligkeit.
O daß sie ewig grünen bliebe
Die schöne Zeit der jungen Liebe!
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