78.
nachrichtiget uns auch von ihrer Verschiedenheit.
Wie die Seele also noch nicht Gebieterinn über
ihre Aufmerksamkeit war, war sie auch noch nicht
im Stand, aus eignen Kräften, die verschiedenen
Impreßionen zu unterscheiden, die sie von den
Gegenständen empfieng. Die Erfahrung hierüber
machen wir alle Augenblicke, wenn wir uns mit
der Untersuchung von Materien abgeben wollen,
wozu wir nicht geschickt sind. Da verwechseln ¬
wir die Gegenstände so sehr, daß wir bisweilen ¬
Mühe haben, um nur diejenigen Objekte =
zu unterscheiden, die am meisten von einander ¬
verschieden sind. Weil wir nämlich in diesem
Fall nicht reflektiren, oder unsre Aufmerksamkeit
nicht auf alle von den Gegenständen erzeugte Perzeptionen =
richten können; so entwischen uns diejenigen =
unter ihnen, wodurch sie sich unterscheiden. =
Hieraus kann man abnehmen, daß wir,
wenn wir des Gebrauchs der Reflexion gänzlich
beraubt wären, verschiedene Gegenstände nur in
so fern unterscheiden würden, in so fern ein jeder
derselben einen sehr lebhaften Eindruck auf uns
machen würde. Alle übrigen Objekte, die nur
ganz leise auf uns wirken, würden für nichts gehalten =
werden.
§. 56. Ein Paar ganz einfache Jdeen sind
leicht von einander zu unterscheiden. Die Schwierigkeiten =
des Unterscheidens nehmen hingegen in
eben dem Grad zu, in welchem die Jdeen zusammengesezter =
werden. Denn da sich nun die Notionen ¬
in mehreren Stücken ähnlich werden: so ist
immer die Gefahr da, daß wir mehrere für eine