Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

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§.  52.  Die  Natur  selbst  lehrt  einen  die  Ordnung,  die
man  im  Vortrag  der  Wahrheit  befolgen  muß.  Denn,
wofern  wir  alle  unsere  Kenntnisse  mittelst  der  Sinne  erhalten: ¬
  so  ist  es  offenbar,  daß  die  Erkenntniß  abstrakter
Notionen  aus  sinnlichen  Ideen  zubereitet  werden  muß.
Jst  es  wol  vernünftig,  mit  der  Jdee  vom  Möglichen  anzufangen, =
  um  zum  Begrif  von  der  Wirklichkeit  zu  gelangen? =
  oder  mit  der  Idee  vom  Punkt,  um  zum  Begrif
vom  Solidum  fortzugehn?  Die  Elemente  der  Wissenschaften =
  werden  nimmermehr  einfach  und  leicht  werden,
so  lang  man  nicht  nach  einer  ganz  entgegengesetzten  Methode ¬
  verfährt.  Die  Philosophen  werden  diese  Wahrheit
nur  mit  Mühe  einsehn;  weil  sie  im  Vorurtheil  der  angebornen ¬
  Ideen  stecken,  oder  weil  sie  sich  für  einen  Gebrauch ¬
  einnehmen  lassen,  den  die  Zeit  geheiligt  zu  haben
scheint.  Diese  vorgefaßte  Meinung  ist  so  allgemein,  daß
mir  vielleicht  blos  die  Unwissenden  beitreten  werden.
Allein  gerade  hier  sind  die  Unwissenden  Richter;  denn  für
sie  gehoren  die  Elemente.  Ein  Buch,  welches  in  den  Augen =
  der  Gelehrten  ein  Hauptwerk  ist,  thut  hierinnen  seiner =
  Absicht  nicht  Genüge,  wenn  wir  es  nicht  verstehn.
Die  Meßkünstler  selbst,  die  die  Vortheile  der  Analyse
besser  als  andre  Philosophen  kennen  müßten,  geben  der
Synthese  sehr  oft  den  Vorzug.  Wenn  sie  sich  aber  auch
von  ihren  Rechnungen  in  andre  Untersuchungen  einlassen: ¬
  so  findet  man  nicht  mehr  dieselbige  Klarheit,  Bestimmtheit ¬
  und  Weitläuftigkeit  des  Geistes.  Wir  haben
vier  berühmte  Methaphysiker;  den  Descartes,  Malebranche, ¬
  Leibnitz  und  Locke.  Der  leztere  ist  der  einzige,
der  nicht  zugleich  Geometer  war;  und  um  wie  viel  vortreflicher ¬
  ist  er  nicht,  als  die  drey  andern?
§.  53.  Hieraus  ziehen  wir  den  Schluß:  wenn  die  Analyse =
  die  Methode  ist,  die  man  bey  der  Untersuchung  der
Wahrheit  befolgen  muß;  so  ist  sie  auch  die  Methode,  deren
man  sich  zum  Vortrag  der  Entdeckungen  bedienen  muß,
die  man  gemacht  hat.  Jch  habe  dieses  zu  leisten  gesucht.
Was  ich  von  den  Operationen  der  Seele,  der  Sprache
und  der  Methode  gesagt  habe,  beweiset,  daß  man  die  Wisfenschaften ¬
  nicht  vervollkommnen  könne,  wofern  man  nicht
Es  ist  auch  bewiedie =
  Sprache  derselben  genauer  bildet.
            
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