Full text : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

407
§.  49.  Bisweilen  gefällt  auch  der  Mangel  der  Ordnung. =
  Das  hängt  aber  von  gewissen  Situationen  der
Seele  ab.  Injenen  Augenblicken  der  Reverse,  in  welchem ¬
  der  Geist  zu  träge  ist,  als  daß  er  sich  lange  mit  denfelhigen ¬
  Gedanken  beschäftigen  mögte,  und  in  welchen  er  es
folglich  gerne  sieht,  wenn  die  Gedanken  durch  den  Zufall
auf  einander  folgen;  in  diesen  Augenblicken  wird  man  z.
B.  am  freien  Feld  mehr  Vergnügen  finden,  als  in  den
schönsten  Gärten.  Denn  jene  Unordnung  auf  einem  Feld
verträgt  sich  mit  der  Unordnung  unsrer  Jdeen  besser;  und
sie  erhält  uns  bey  unsrer  Reverie,  weil  sie  uns  verhindert,
bey  einem  und  eben  demselben  Gedanken  stehn  zu  bleiben.
Dieser  Zustand  der  Seele  ist  besonders  alsdann  sehr  angenehm, =
  wenn  man  ihn  nach  einer  langen  Arbeit  genießt.
Es  giebt  auch  Lagen  der  Seele,  die  die  Lektüre  der
Werke  begünstigen,  in  welchen  keine  Ordnung  herrscht.
Ich  lese  z.  B.  den  Montagne  bisweilen  mit  vielem  Vergnügen; ¬
  ein  andermal  hingegen  ist  er  mir  unertraglich.
Ich  weiß  nicht,  ob  andre  diese  Erfahrung  gleichfalls  gemacht ¬
  haben.  Was  mich  aber  betrifft:  so  wünschte  ich
nicht  dazu  verdammt  zu  werden,  immer  dergleichen
Schriftsteller  lesen  zu  müssen.  Die  Ordnung  hat  den
Vorzug,  daß  sie  beständig  gefällt;  der  Mangel  der  Ordnung ¬
  hingegen  gefallt  nur  zu  gewissen  Zeiten,  und  es  giebt
keine  Regeln,  wodurch  man  sich  der  erwünschten  Wirkung
der  Unordnung  versichern  konnte.  Dem  Montagne  hat
Man  würde  zu  viel  wagen,  wenn
es  einmal  geglückt.
man  ihm  nachahmen  wollte.
§.  50.  Durch  die  Ordnung  soll  das  Verständniß  eines
Werks  erleichtert  werden.  Vermeiden  muß  man  demnach
Ausführlichkeiten,  weil  sie  den  Geist  erschlappen;  Digressionen, =
  weil  sie  ihn  zerstreuen;  häufige  Divisionen  und
Subdivisionen,  weil  sie  ihn  verwirren;  und  Wiederholungen, ¬
  weil  sie  ihn  ermüden.  Wenn  man  eine  Sache
einmal  und  an  ihrem  gehörigen  Ort  gesagt  hat:  so  ist  sie
deutlicher,  als  wenn  sie  sonst  mehrmalen  wiederholet  wird.
§.  51.  Man  muß  beim  Vortrag,  so  wie  auch  bey
der  Untersuchung  der  Wahrheit  mit  den  leichtesten
und  mit  den  Ideen  anfangen,  die  man  unmittelbar
durch  die  Sinne  erhält;  und  von  diesen  muß
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer