Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

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ständen  ab,  daß  man  unmöglich  alle  Triebfedern, =
  die  sie  in  Bewegung  sezen,  enthüllen,  und
daß  sich  ganz  natürlich  ein  jeder  einbilden  kann,
er  finde  sich  nicht  im  Fall  derer,  die  durch  sie  verführt ¬
  werden.
So  wie  ein  schwächlicher  Mensch  oft  von  einer
Krankheit  wieder  hergestellet  wird,  um  in  eine  andre ¬
  zu  fallen:  eben  so  verändert  der  Verstand  oft
nur  seine  Jrthümer,  statt  sie  gänzlich  zu  verlassen.
Man  müßte,  wenn  man  einen  schwächlichen  Menschen =
  von  allen  seinen  Krankheiten  befreyen  wollte,
ihm  ein  ganz  neues  Temperament  geben:  Eben  so
müßte  man  unsern  Verstand,  um  ihn  in  Ansehung ¬
  aller  seiner  Jrrthümer  zu  verbessern,  ganz
neue  Einsichten  verschaffen,  und  man  müßte,
ohne  sich  bey  dem  Detail  seiner  Krankheiten  aufzuhalten, =
  an  die  Quelle  selbst  zurückgehn,  und
sie  verstopfen.
§.  2.  Diese  Quelle  werden  wir  in  unster  Gewohnheit, =
  über  Dinge  zu  räsonniren,  finden,  von
denen  wir  entweder  gar  keinen  Begrif,  oder  nur
ganz  unbestimmte  Jdeen  haben.  Es  ist  nöthig,  daß
wir  hier  den  Grund  dieser  Gewohnheit  aufsuchen,
um  den  Ursprung  unsrer  Jrrthümer  auf  eine  überzeugende =
  Art  einzusehn,  und  um  zu  wissen,  mit  wie  viel
kritischem  Geist  man  an  die  Lektüre  der  Philosophen =
  gehn  muß.
§.  3.  So  lang  wir  noch  Kinder  und  der  Reflexion =
  unfähig  sind,  so  lang  ist  es  unser  Bedürfniß =
  allein,  was  uns  beschäftiget.  Die  Gegenstände ¬
  machen  indessen  zu  dieser  Zeit  um  so  viel  tiefere =
  Eindrücke,  da  sie  weniger  Widerstand  finden.
            
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