Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

uns  denken,  liegt  weder  Irrthum,  noch  Dunkelheit.
Wenn  wir  z.  B.  darüber  reflektiren,  daß  wir  die  Ideen
von  einer  gewissen  Größe  und  von  einer  gewissen  Figur ¬
  haben,  und  daß  wir  diese  Ideen  irgend  einem
Körper  beilegen:  so  liegt  darinnen  nichts,  was
nicht  wahr,  klar  und  deutlich  wäre.  Dies  ist  die
Quelle  aller  Wahrheiten.  Kömmt  ein  Irrthum  hinzu: ¬
  so  liegt  er  eigentlich  darinnen,  daß  wir  urtheilen,
diese  Größe  und  diese  Figur  komme  wirklich  diesem
Körper  zu.  Wenn  ich  z.  B.  ein  viereckigtes  Gebäude =
  von  Ferne  ansehe:  so  wird  es  mir  rund  scheinen. ¬
  Liegt  denn  nun  in  der  Idee  vom  Rundseyn,
oder  in  der  Beziehung,  die  ich  mit  dieser  Idee  vornehme, ¬
  Dunkelheit  und  Verworrenheit?  Nein;  sondern =
  ich  urtheile,  dieses  Gebäude  ist  rund.  Da
liegt  der  Irrthum.
Wenn  ich  also  sage,  daß  wir  alle  unsre  Kenntnisse ¬
  durch  die  Sinne  erhalten:  so  muß  man  ja
nicht  vergessen,  daß  dieses  nur  in  so  fern  gemeint  ist,
in  so  fern  man  die  Kenntnisse  aus  diesen  klaren  und
deutlichen  Ideen  ableitet,  die  sie  enthalten.
Ansehung  der  sie  begleitenden  Urtheile  können
uns  nicht  eher  nüzlich  seyn,  bis  eine  wiederholte
Erfahrung  ihre  Fehler  verbessert  hat.
§.  12.  Was  wir  von  der  Ausdehnung  und  den
Figuren  bemerkt  haben,  paßt  auch  auf  die  übrigen
Sensationsideen  vollkommen.  Aus  eben  diesen  Bemerkungen ¬
  kann  das  Problem  der  Cartesianer  gelöset =
  werden;  ob  sich  die  Farben,  die  Gerüche  u.  s.  w.
in  den  Objekten  befinden?
            
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