Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

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§.  77.  Zweytens  konnten  die  ersten  Dichter
von  Genauigkeit  und  Bestimmtheit  nicht  viel  wissen. =
  Man  sezte  daher  unnüze  Wörter  in  die  Verse
hinein,  um  das  Versmaas  voll  zu  machen;  oder
man  wiederholte  auch  dieselbige  Sache  mehrmals
auf  mehrere  Arten.  Ein  neuer  Grund  von  der
Menge  der  Pleonasmen  in  den  alten  Sprachen.
§.  78.  Endlich  war  diese  erste  Poesie  äußerst
sigürlich  und  metaphorisch.  Denn  man  versichert, ¬
  in  den  Sprachen  der  Morgenländer  seyen
sogar  in  der  Prose  solche  Figuren  erlaubt,  die  in
der  Poesie  der  Römer  nur  sehr  selten  angebracht
werden  dürfen.  Der  Enthusiasmus  brachte  also
in  die  Poesie  der  Morgenländer  die  größten  Unordnungen ¬
  hinein.  Jhre  Dichter  mahlten  die  Leidenschaften =
  mit  Farben  aus,  die  uns  übertrieben
scheinen  würden.  Jch  zweifele  aber  sehr,  ob  wir
Recht  haben  würden,  sie  deswegen  zu  tadeln.
Sie  empfanden  die  Dinge  nicht,  wie  wir  sie  empfinden. =
  Sie  durften  sie  also  auch  nicht  so  ausdrücken, ¬
  wie  wir.  Um  ihre  Werke  richtig  zu  beurtheilen, ¬
  müßte  man  auf  das  Temperament  der
Nationen  sehn,  für  die  sie  geschrieben  haben.  Man
redet  so  oft  von  der  schönen  Natur,  und  es  giebt
kein  ausgebildetes  Volk,  welches  sie  nicht  nachahmen =
  wollte.  Ein  jedes  aber  glaubt  das  Modell
dazu,  in  seiner  Art  zu  empfinden,  zu  finden..  Man
wundere  sich  nicht,  daß  man  diese  schöne  Natur  mit  so
großer  Mühe  erkennen  kann.  Sie  verändert  ihr
Aussehn  sehr  oft,  oder  sie  nimmt  zu  sehr  den  Ton
eines  jeden  Landes  an.  Jch  weis  auch  nicht,  ob
Condillac.
            
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