289
§. 77. Zweytens konnten die ersten Dichter
von Genauigkeit und Bestimmtheit nicht viel wissen. =
Man sezte daher unnüze Wörter in die Verse
hinein, um das Versmaas voll zu machen; oder
man wiederholte auch dieselbige Sache mehrmals
auf mehrere Arten. Ein neuer Grund von der
Menge der Pleonasmen in den alten Sprachen.
§. 78. Endlich war diese erste Poesie äußerst
sigürlich und metaphorisch. Denn man versichert, ¬
in den Sprachen der Morgenländer seyen
sogar in der Prose solche Figuren erlaubt, die in
der Poesie der Römer nur sehr selten angebracht
werden dürfen. Der Enthusiasmus brachte also
in die Poesie der Morgenländer die größten Unordnungen ¬
hinein. Jhre Dichter mahlten die Leidenschaften =
mit Farben aus, die uns übertrieben
scheinen würden. Jch zweifele aber sehr, ob wir
Recht haben würden, sie deswegen zu tadeln.
Sie empfanden die Dinge nicht, wie wir sie empfinden. =
Sie durften sie also auch nicht so ausdrücken, ¬
wie wir. Um ihre Werke richtig zu beurtheilen, ¬
müßte man auf das Temperament der
Nationen sehn, für die sie geschrieben haben. Man
redet so oft von der schönen Natur, und es giebt
kein ausgebildetes Volk, welches sie nicht nachahmen =
wollte. Ein jedes aber glaubt das Modell
dazu, in seiner Art zu empfinden, zu finden.. Man
wundere sich nicht, daß man diese schöne Natur mit so
großer Mühe erkennen kann. Sie verändert ihr
Aussehn sehr oft, oder sie nimmt zu sehr den Ton
eines jeden Landes an. Jch weis auch nicht, ob
Condillac.