Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

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mehr  bedürfen  wir  Führer,  und  desto  geneigter =
  sind  wir  zu  glauben,  daß  diejenigen,  die  vor
uns  gekommen  sind,  alles,  was  sie  gemacht  haben, ¬
  gut  gemacht,  und  daß  uns  nicht  mehr
Jahrhunübrig =
  bleibe,  als  sie  nachzuahmen.
derte  mußten  vergehn,  wenn  wir  von  diesem
Vorurtheil  befreyet  werden  sollten.
Was  die  Vernunft  nicht  ausrichten  kann,  bewirkt =
  die  Zeit  und  Umstände;  freylich  oft  so,  daß
sie  uns  in  entgegengesezte  Vorurtheile  stürzen.
Diese  Betrachtung  läßt  sich  auch  bey  der  Poesie
und  der  Musik  anstellen.  Nachdem  die  französische =
  Prosodie  so  simpel  geworden  war,  wie  sie
noch  heute  ist:  so  wurden  diese  beyden  Künste  so
sehr  von  einander  abgesondert,  daß  der  Vorschlag,
sie  auf  einer  Bühne  wieder  zu  vereinigen,  aller
Welt  lächerlich  geschienen,  und  daß  er  noch  den
meisten  so  scheint,  die  der  Aufführung  solcher
Stücke  doch  ihren  Beyfall  nicht  versagen.
§.  75.  Aus  dem  Gegenstand  der  ersten  Poesien
können  wir  ihren  Charakter  abnehmen.
Sehr
wahrscheinlich  wurden  die  Religion,  die  Geseze
und  die  Heroen  aus  keinem  andern  Grund  besungen, =
  als  um  in  den  Bürgern  die  Empfindungen ¬
  der  Liebe,  der  Bewunderung  und  der  Nacheiferung =
  rege  zu  machen.  Dieses  geschah  in  den  Psalmen, =
  Liedern,  Oden  und  Lobgesängen.  Nur
später  hat  man  die  epischen  und  die  dramatischen
Gedichte  kennen  gelernt.  Man  hat  ihre  Erfindung ¬
  den  Griechen  zu  verdanken.  Man  hat  die
Geschichte  derselben  schon  so  oft  beschrieben,  daß
sie  jedermann  bekannt  seyn  muß.
            
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