Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

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§.  67.  Der  Stil  war,  bey  seinem  Ursprung,
poetisch;  denn  er  fieng  sich  damit  an,  daß  er  die
Ideen  mit  den  lebhaftesten  Bildern  malte;  und  er
war  noch  ausser  dem  sehr  abgemessen.  So  bald
aber  die  Sprachen  reicher  wurden,  verlor  sich  die
Sprache  des  Handlens  allmählig;  die  Stimme
veränderte  sich  nicht  mehr  so  sehr;  der  Geschmack
an  Figuren  und  Metaphern  nahm,  aus  Gründen,
die  ich  gleich  anführen  werde,  ab,  und  der  Stil
näherte  sich  unsrer  Prose.  Die  Schriftsteller  hingegen ¬
  bedienten  sich  der  alten  Sprache;  weil  sie
lebendiger  war,  und  sich  leichter  dem  Gedächtniß
eindrückte;  welches  damals  das  einzige  Mittel
war,  wodurch  man  gelehrte  Werke  auf  die  Nachwelt =
  bringen  konnte.  Man  gab  dieser  Sprache
verschiedene  Formen;  man  ersann,  um  ihre  Harmonie ¬
  zu  vermehren,  Regeln,  und  man  machte
aus  ihnen  eine  eigne  Kunst.  Die  damalige  Nothwendigkeit, =
  sich  derselben  zu  bedienen,  machte  die
Leute  lange  Zeit  hindurch  glauben,  man  dürfe
nicht  anders,  als  in  Versen  schreiben.  So  lang
man  keine  Charaktere  zum  Aufschreiben  der  Gedanken ¬
  hatte,  hatte  diese  Meynung  darinnen  ihren
Grund,  daß  man  die  Verse  leichter  auswendig
lernen  und  behalten  kann.  Sie  erhielt  sich  aber
auch,  wie  dieser  Grund  wegfiel,  weil  man  für  sie
eingenommen  war.  Endlich  wagte  es  ein  Philosoph
zuerst  in  der  Prose  zu  schreiben,  weil  er  sich  nicht  nach
den  Regeln  der  Poesie  bequemen  konnte  *).
)  Pherecydes  von  Scyros  ist  der  erste,  von  dem
man  weiß,  daß  er  in  der  Prose  geschrieben
            
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