Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

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Geburt  wurde  Timotheus  durch  ein  Dekret  der
Ephoren  aus  Sparta  verbannt;  weil  er  aus  Verachtung ¬
  der  alten  Musik,  zur  Leyer  noch  drey
Chorden  hinzugefügt  hatte,  d.  h.  weil  er  die  Leyer
zum  Ausdruck  mannigfaltigerer  und  weitläuftigerer =
  Gesänge  tauglich  machen  wollte.  So  gros
waren  die  Vorurtheile  seiner  Zeit.  Wir  haben
ihrer  auch,  und  man  wird  ihrer  auch  nach  uns
noch  haben;  ohne  daß  man  es  sich  wird  beyfallen
lassen,  daß  sie  einmal  für  lächerlich  erklärt  werden =
  dürften.  Lulli,  den  wir  heut  zu  Tage  für
so  simpel  und  natürlich  halten,  schien  in  seinem
Zeitalter  übertrieben.  Man  sagte,  er  verderbe
durch  seine  Ballets  den  Tanz,  und  er  verwandele
ihn  ganz  in  Spas.  „Es  sind  ohngefähr  sechs
und  zwanzig  Jahre  verflossen,  sagt  der  Abbe  du
Bos,  daß  die  Gesänge,  die  in  Frankreich  komponirt ¬
  wurden,  durch  die  Bank  weiter  nichts,  als
eine  Reihe  von  langen  Noten  waren,  und  es  sind
ohngefähr  achtzig  Jahre  her,  daß  der  Takt  in  den
Balletten  eine  langsame  Bewegung  /  und  daß  ihr
Gesang,  wenn  man  sich  dieses  Ausdrucks  bedienen =
  darf,  selbst  bey  der  größten  Munterkeit  ganz
gesezt  einhergieng."  Das  war  die  Musik,  woran
diejenigen  hingen,  die  den  Lulli  tadelten.
§.  53.  Die  Musik  ist  eine  Kunst,  worüber  jederman =
  zu  urtheilen  Recht  zu  haben  glaubt.  Die
Zahl  ungeschickter  Richter  muß  hier  folglich  auch
sehr  groß  seyn.  Ohne  Zweifel  giebt  es  in  dieser
Kunst,  wie  in  einer  jeden  andern,  einen  Punkt
der  Vollkommenheit,  von  welchem  man  nicht  abweichen =
  darf.  Dies  ist  ihr  Prinzipium.  Allein
            
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