Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

Sensationen  zur  Genüge  zureichen,  um  uns  alle
die  Ideen  zu  verschaffen,  die  man  gewöhnlich  von
den  Körpern  hat.  In  der  That,  giebt  es  wohl
auch  nur  eine  einzige  von  diesen  Ideen,  die  nicht  in
diesen  ersten  Perzeptionen  enthalten  wäre?  Findet
man  nicht  in  ihnen  die  Ideen  von  Ausdehnung,  Figur, ¬
  Ort,  Bewegung,  Ruhe;  so  wie  auch  alle  übrigen, ¬
  die  von  diesen  leztern  abhangen?
Man  verwerfe  also  die  Hypothese  von  den  angebornen ¬
  Ideen,  und  man  seze  einmal  voraus,  daß
uns  Gott,  z.  B.  die  Perzeptionen  des  Lichts  und  der
Farbe  gebe;  werden  diese  Perzeptionen  nicht  unsern
Augen,  Ausdehnung,  Linien  und  Figuren  darstellen? ¬
  —  Hier  wendet  man  aber  ein:  Man  kann
sich  durch  die  Sinne  nicht  versichern,  ob  diese  Dinge =
  wirklich  so  beschaffen  sind,  wie  sie  uns  beschaffen
zu  seyn  scheinen.  Hieraus  folgert  man,  daß  die
Sinne  uns  keine  Ideen  von  ihnen  geben.  Welche
Folgerung!  Versichert  man  sich  denn  etwa  besser
von  der  Beschaffenheit  dieser  Dinge,  mit  den  angebornen ¬
  Ideen?  Was  ist  daran  gelegen,  daß  man,
mittelst  der  Sinne,  mit  Gewißheit  erkennen  könne,
welches  die  Figur  eines  Körpers  ist?  Man  will  ja
nur  wissen,  ob  die  Sinne  selbst  alsdenn,  wenn  sie
uns  betrügen,  uns  die  Idee  von  einer  Figur  geben?
Ich  sehe  eine  Figur,  die  ich  vor  ein  Fünfeck  halte;
wenn  sie  gleich  an  einer  Seite  einen  unbemerkbaren
Winkel  macht.  Das  ist  nun  freilich  ein  Irrthum;
aber  giebt  mir  denn  die  Figur  deswegen  nicht  die
Idee  von  einem  Fünfeck?
            
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