Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

262
sikalische  Stücke  vor  Leuten  aufführen,  die  wenig
Imagination  haben,  denen  die  Musik  neu  wäre,
und  deren  Deklamation,  die  nach  einer  am  Gesang ¬
  theilnehmenden  Prosodie  gebildet  seyn  müßte,
selbst  singend  wäre.  Unbrauchbar  aber  würde  diese
Erfahrung  seyn,  wenn  wir  zur  Bewunderung  der
Dinge,  die  uns  nahe  liegen,  eben  so  geneigt  wären, ¬
  als  zur  Bewunderung  solcher,  die  von  uns
abliegen.
§.  49.  Der  Gesang  der  Wörter  ist  heut  zu
Tage  von  unsrer  gewöhnlichen  Aussprache,  und
von  unsrer  Deklamation  so  verschieden,  daß  sich
die  Einbildungskraft  nur  mit  der  äußersten  Mühe
der  Täuschung  unsrer  in  Musik  gesezten  Trauerspiele ¬
  überläßt.  Auf  der  andern  Seite  waren
die  Griechen  auch  weit  empfindlicher,  als  wir;
weil  sie  eine  weit  lebhaftere  Einbildungskraft  hatten. ¬
  Die  Musiker  endlich  gebrauchten  den  günstigsten ¬
  Augenblick,  um  sie  zu  rühren.  Alexander ¬
  z.  B.  saß  an  der  Tafel,  und  er  war,  wie  Herr
Burette  bemerkt  *),  wahrscheinlich  schon  durch
den  Geist  des  Weins  erhizt,  wie  ihn  eine  Musik,
die  einem  Wuth  einflößen  konnte,  zum  Ergreifen
der  Waffen  bestimmte.  Ich  zweifele  gar  nicht,
daß  es  bey  uns  nicht  auch  Soldaten  geben  sollte,
bey  denen  der  Schall  der  Trommeln  und  der  Trompeten =
  eben  die  Wirkung  hervorbringen  möchte.
Wir  dürfen  daher  nicht  aus  den  der  Musik  der  Alten =
  zugeschriebenen  Wirkungen  von  derselben  urtheilen; =
  sondern  aus  den  Instrumenten,  die  sie
*)  Histoire  de  l'Academie  des  Belles  lettres.  Tom.  V.
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.

powered by Goobi viewer