Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

ihren  Ungehorsam  hat  sich  das  alles  geändert.  Gott
hat  ihr  diese  Herrschaft  genommen.  Sie  ist  von
den  Sinnen  so  abhängig  geworden,  als  wenn  diese
die  physischen  Ursachen  von  dem  wären,  was  sie  blos
veranlassen;  und  ausser  den  Kenntnissen,  die  sie
ihr  zuführen,  hat  sie  gar  keine  andre.  Davon  rührt
die  Unwissenheit,  und  die  böse  Lust  her.  Diesen
Zustand  der  Seele  will  ich  studiren.  Er  ist  es  allein
der  das  Objekt  der  Philosophie  seyn  kann;  weil  er
es  allein  ist,  den  uns  die  Erfahrung  kennen  lehrt.
Wenn  ich  also  behaupten  werde,  daß  wir  keine
Ideen  haben,  die  uns  nicht  durch  die  Sinne  zugeführt ¬
  werden:  so  muß  man  das  blos  vom  Zustand =
  verstehn,  in  dem  wir  uns  seit  dem  Fall  befinden. ¬
  Dieser  Saz  würde  ganz  falsch  seyn,  wenn
man  ihn  auf  die  Seele  im  Stand  der  Unschuld,  oder
in  ihrem  Zustand  nach  ihrer  Trennung  vom  Körper,
anwenden  wollte.  Von  den  Kenntnissen  der  Seele
in  diesen  beiden  Zuständen  handle  ich  deswegen
nicht;  weil  ich  nicht  aus  Erfahrung  über  sie  räsonniren
kann.  Wenn  uns  übrigens,  woran  denn  nicht  gezweifelt ¬
  werden  kann,  an  der  Kenntniß  derjenigen
Kräfte  viel  gelegen  ist,  deren  Gebrauch  uns  Gott,
ohngeachtet  des  Falls  unsrer  ersten  Eltern,  erhalten
hat:  so  ist  es  dagegen  auf  der  andern  Seite  unnüz, ¬
  wenn  man  die  übrigen  Kräfte  errathen  will,
die  er  uns  abgenommen  hat,  und  die  er  uns  erst
nach  dem  Tod  wieder  mittheilen  wird.
Ich  schränke  mich  demnach  blos  auf  den  gegenwärtigen ¬
  Zustand  ein.  Daher  werde  ich  die  Seele
nicht  als  vom  Körper  unabhängig  beteachten;  weil
            
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