Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

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tion  ein  wirklicher  Gesang  war.  Daß  wir  den
Gesang  für  so  wenig  natürlich  halten,  rührt  nicht
davon  her,  daß  die  Töne  in  demselben  nach  den
Verhältnissen  auf  einander  folgen,  die  die  Harmonie ¬
  erfordert,  sondern  davon,  daß  uns  die  allerschwächsten =
  Jnflexionen  gewöhnlich  zum  Ausdruck =
  unsrer  Gedanken  zuzureichen  scheinen.  Nationen, =
  die  gewohnt  sind,  ihre  Stimme  durch
sehr  bemerkbare  Abfälle  zu  beugen,  würden  unsre
Aussprache  für  todte  Monotonie  halten;  da  hingegen, ¬
  nach  ihrem  Bedünken,  ein  Gesang,  der
diese  Abfälle  nur  in  so  fern  modifizirte,  in  so  fern
die  Modifikation  zur  Fassung  der  Töne  erforderlich
ist,  den  Nachdruck  der  Rede  verstärken,  und  ihnen =
  gar  nicht  außerordentlich  vorkommen  würde.
§.  19.  Aus  Mangel  der  Kenntniß  des  Charakters =
  der  Aussprache  der  griechischen  und  der  lateinischen =
  Sprache  hat  man  oft  Mühe  gehabt,  die
Nachrichten  der  Alten  von  ihren  Schauspielen  zu
verstehn.  Hier  ist  ein  Beyspiel:
„Wofern  die  Tragsdie,  sagt  ein  Kommenta,
tor  über  den  Aristoteles,  ohne  Verse  möglich  ist:
so  kann  sie  um  so  mehr  ohne  Musik  statt  finden.
Man  muß  so  gar  eingestehn,  daß  wir  nicht  gut
begreifen  können,  wie  die  Musik  je  gewissermaaßen
als  ein  Theil  des  Trauerspiels  hat  angesehn  werden ¬
  können.  Denn  wenn  irgend  etwas  in  der
Welt  einer  tragischen  Handlung  zuwider  seyn  kann:
so  ist  es  der  Gesang.  Die  Erfinder  der  musikalischen
Trauerspiele  mögen  mir  dieses  verzeihen;  diese  Art
von  Gedichten  ist  eben  so  lächerlich,  als  sie  neu  ist,
            
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