Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

§.  5.  Folglich  sind  die  Sensationen  und  die
Operationen  der  Seele  die  Materialien  zu  allen  unsern ¬
  Kenntnissen,  die  die  Reflexion  zu  verbrauchen
sucht,  indem  sie,  durch  allerhand  Kombinationen,
die  in  ihnen  enthaltenen  Verhältnisse  aufsucht.  Der
glückliche  Erfolg  dieser  Geistesarbeit  hängt  ganz  von
den  Umständen  ab,  unter  welchen  sie  vorgenomnen
wird.  Am  glücklichsten  sind  diese  Umstände,  wenn
sie  uns  eine  sehr  große  Anzahl  von  Gegenständen
darbieten,  an  welchen  sich  unsre  Reflexion  üben
kann.  So  sind  z.  B.  die  rerkwürdigen  Umstände,
unter  welchen  sich  diejenige  befinden,  die  zur  Regierung ¬
  der  Völker  ausersehn  sind,  eine  Gelegenheit
zur  Bildung  weitaussehender  Plane,  und  die  Umstände, ¬
  die  sich  in  der  großen  Welt  unaufhörlich  von
Neuem  ereignen,  verhelfen  zu  der  Art  von  Verstandeskräften, ¬
  die  man  die  natürlichen  zu  nennen  pflegt,
weil  sie  nicht  das  Werk  der  Wissenschaften  sind,  und
man  folglich  auch  die  Ursachen,  wodurch  sie  hervorgebracht =
  werden,  nicht  bemerkt.  Hieraus  ziehn  wir
den  Schluß;  daß  es  gar  keine  Begriffe  giebt,  die
nicht  erworbene  Ideen  wären.  Die  ersteren  erlangen ¬
  wir  unmittelbar  durch  die  Sinne;  die  übrigen
haben  wir  der  Erfahrung  zu  danken,  und  diese  vermehren ¬
  sich  in  eben  dem  Verhältniß,  in  welchem
man  zum  Reflektiren  geschickter  ist.
§.  6.  Die  Seele  ist,  durch  die  Erbsünde,  vom
Körper  so  abhängig  geworden,  daß  viele  Weltweisen ¬
  diese  beiden  Substanzen  mit  einander  verwechselt
haben.  Sie  haben  geglaubt,  die  Seele  sey  weiter  nichts,
als  der  zarteste,  feinste  und  beweglichste  Theil  des
            
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