Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

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Ich  sehe  ein  Basrelief;  ich  weis  zuverläßig,
daß  es  auf  einer  platten  Ebene  angebracht  ist.  Ich
hab  es  auch  angefühlt;  und  doch  hindert  mich  diese
Kenntniß,  die  wiederholte  Erfahrung  und  alle
mögliche  Urtheile  nicht,  daß  ich  nicht  konvere  Figuren ¬
  sehn  sollte.  Warum  dauert  dieser  Schein
fort?  Warum  sollte  ein  Urtheil,  welches  die  Kraft
hat,  mich  die  Dinge  ganz  anders  sehn  zu  machen,
als  sie  in  der  Idee  sind,  die  mir  meine  Sensationen
verschaffen,  nicht  die  Kraft  haben,  mich  sie  dieser =
  Idee  gemäs  sehn  zu  machen?  Das  läßt  sich
auch  vom  Schein  der  Ründe  sagen,  unter  welchem ¬
  wir  ein  entferntes  Gebäude  sehn,  von  welchem =
  wir  doch  wissen  und  auch  so  urtheilen,  daß
es  viereckigt  ist;  und  so  tausend  andre  ähnliche
Beyspiele.
§.  4.  Ein  neuer  Grund,  der  schon  allein  zur
Vernichtung  der  Lokeschen  Meynung  zureichen
würde,  ist  drittens  dieser,  daß  man  uns  unmöglich =
  das  Bewußtseyn  dieser  Art  von  Urtheilen  beybringen =
  kann.  Vergebens  stüzt  man  sich  auf  den
Saz,  daß  sehr  vieles  in  unseer  Seele  vorzugehn
scheint,  was  gar  nicht  zu  unsrer  Erkenntniß  gelangt. ¬
  Aus  dem,  was  ich  im  ersten  Kapitel  des
zweyten  Abschnitts  gesagt  habe,  ist  zwar  so  viel
gewiß,  daß  wir  diese  Urtheile  gleich  im  ersten  Augenblick =
  nachher  vergessen  könnten,  da  wir  sie  gebildet ¬
  haben.  Allein  das  Bewußtseyn  derselben
würde,  wenn  wir  sie  zum  Objekt  unsrer  Reflexion
machen  sollten,  so  lebhaft  werden,  daß  wir  ihr  Daseyn =
  nicht  mehr  in  Zweifel  ziehn  würden.
Condillac.
N
            
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