Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

166
Kind.  Das  ist  es  aber  auch  alles,  worauf  sich
alle  Operationen  ihrer  Seele  beschränken  *).
Weil  sich  die  Menschen  keine  Zeichen  machen
können,  wofern  sie  nicht  beysammen  leben:  so
folgt  daraus,  daß  der  Fond  ihrer  Ideen,  beym
Anfang  der  Ausbildung  ihres  Geistes  einzig  und
allein  in  ihrem  wechselseitigen  Umgang  liegt.  Ich
sage  mit  Fleis:  beym  Anfang  der  Ausbildung  ihrer
Seele;  denn  es  ist  ja  einleuchtend,  daß  die  Seele,
wenn  sie  schon  Fortschritte  gethan  hat,  die  Kunst
sich  Zeichen  zu  finden  versteht,  und  daß  sie,  ohne
irgend  einen  fremden  Beystand,  Ideen  erlangen
kann.
Man  darf  mir  nicht  einwerfen,  daß  die  Seele
schon  vor  diesem  gesellschaftlichen  Umgange  Jdeen
habe;  weil  sie  Perzeptionen  hat.  Denn  Perzeptionen, ¬
  die  nie  ein  Gegenstand  der  Reflexion
gewesen  sind,  sind  eigentlich  nicht  Ideen.  Es
sind  bloße  in  der  Seele  hervorgebrachte  Impres*) ¬
  Locke  bemerkt  mit  Recht,  (B.  II.  K.  11.  §.  10.
und  11.)  daß  die  Thiere  nicht  abstrahiren  konnen.
Er  spricht  ihnen  folglich  auch  das  Vermögen  aus
allgemeinen  Ideen  zu  schliessen  ab;  er  halt  es
aber  für  ausgemacht,  daß  sie  in  gewissen  Fällen
aus  partikulären  Ideen  räsonniren.  Hätte  dieser
Weltweise  eingesehn,  daß  man  unmöglich  reflektiren =
  kann,  wofern  man  nicht  den  Gebrauch  der
willkührlichen  Zeichen  kennt:  so  würde  er  auch  zugegeben ¬
  haben,  daß  die  Thiere  des  Räsonnements
durchaus  unfähig,  und  daß  folglich  ihre  Handlungen, =
  die  uns  räsonnirt  scheinen,  bloße  Effekte  einer
Imagination  sind,  über  die  sie  nicht  gebieten
können.
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.

powered by Goobi viewer