Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

162,
ben  aufhören  muß,  sobald  diese  Umstände  nicht
mehr  da  sind.  Ist  einmal  dieses  Schrecken  ganz
vorüber,  (wenn  man  nämlich  annimmt,  daß  dieser ¬
  Mensch  entweder  gar  nicht  wieder  an  denselben
Ort  zurückkehrt,  oder  daß  er  nur  alsdenn  erst
wieder  an  diesen  Ort  hinkömmt,  wenn  die  Jdee
des  Schreckens  mit  der  Jdee  jenes  Ungeheuers  nicht
mehr  vergesellschaftet  ist:)  so  werden  wir  nichts
mehr  in  ihm  antreffen,  was  ihm  das,  was  er  gesehn ¬
  hat,  zurückrufen  könnte.  Denn  wir  können -
  unsre  Ideen  nur  in  so  fern  wiederaufwecken,
in  so  fern  sie  an  gewisse  Zeichen  geheftet  sind.
Die  Ideen  dieses  Menschen  aber  sind  nur  an  die
Umstände  geknüpft,  durch  die  sie  erzeugt  wurden.
Daher  kann  er  sie  sich  nicht  wieder  zurückrufen,  er
befinde  sich  denn  wieder  unter  denselbigen  Umständen. =
  Von  diesen  hängt  die  Ausübung  der  Operationen =
  seiner  Seele  ab.  Er  ist,  ich  wiederhole
es  noch  einmal,  nicht  Herr  über  sie,  so  daß  er  sie
Er  vermag  nichts;
eigenmächtig  leiten  könnte.
sondern  muß  dem  Eindruck  folgen,  den  die  Gegenstände ¬
  auf  ihn  machen:  und  man  darf  gar  nicht
erwarten,  daß  er  irgend  ein  Zeichen  von  Vernunft
von  sich  geben  könne.
§.  23.  Jch  behaupte  nicht  bloße  Muthmaßungen. =
  Im  Jahr  1694  fand  man  in  den  an  Lithauen ¬
  und  Rußland  angränzenden  Wäldern  einen
jungen  Menschen  von  ohngefähr  zehn  Jahren,  der
unter  den  Wölfen  lebte.  Er  ließ  gar  keine  Spur
von  Vernunft  an  sich  bemerken;  er  kroch  auf  Händen ¬
  und  Füßen  fort;  hatte  keine  Sprache,  und
bildete  solche  Töne,  die  den  Tönen  eines  Men¬
            
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