Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

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wird  man  die  Idee  einer  Linie,  oder  einer  Ausdehnung ¬
  haben,  ohne  Länge,  Breite  und  Tiefe.
Endlich  reflektire  man  auf  eine  Extremität
dieser  Linie,  ohne  auf  ihre  Länge  zu  merken;  so
wird  man  sich  die  Idee  von  einem  Punkt,  oder
von  dem  bilden,  was  man  in  der  Geometrie  als
so  etwas  ansieht,  was  weder  Länge,  noch  Breite
noch  Dicke  hat.
Auf  diesem  Weg  wird  man  ohne  Mühe  zu  den
Jdeen  vom  Punkt,  von  der  Linie,  und  der  Fläche
gelangen.  Es  kömmt  alles  darauf  an,  daß  man
die  Erfahrung  studire,  um  die  Erzeugung  der
Ideen  in  eben  der  Ordnung  zu  finden,  in  welcher
sie  sich  gebildet  haben.  Diese  Methode  ist  besonders ¬
  in  den  Fällen  schlechterdings  nothwendig,
wo  von  abstrakten  Notionen  die  Rede  ist.  Sie
ist  das  einzige  Mittel,  wodurch  sie  deutlich  er
klärt  werden  können.
§.  13.  Zwo  wesentliche  Verschiedenheiten  sind
unter  den  einfachen  und  unter  den  komplexen  Ideen
sichtbar.  1)  Bey  den  erstern  ist  die  Seele  durchaus ¬
  blos  leidend.  Sie  würde  sich  die  Idee  von
einer  Farbe,  die  sie  nie  gesehn  hat,  nie  verschaffen
können.  Bey  der  Erzeugung  der  zusammengesezten ¬
  Ideen  ist  sie  hingegen  thätig.  Sie  ist  es,
die  die  einfachen  Ideen  entweder  nach  Modellen,
oder  nach  ihrem  Belieben,  vereinigt;  kurz,  sie
sind  das  Werk  einer  reflektirten  Erfahrung.  Ich
will  sie  insbesondre  Notionen  nennen.  2)  Wir
haben  kein  Maas,  wornach  wir  den  Ueberschuß
einer  einfachen  Idee  über  eine  andre  einfache  Idee
beurtheilen  könnten;  weil  sie  untheilbar  sind.  Ganz
            
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