121
pfindungen. Nachdem nämlich die Imagination,
durch die größere oder mindere Lebhaftigkeit der Leidenschaften =
mehr oder weniger gerührt wird; nachdem =
weckt sie auch mit mehr oder mit weniger
Kraft die Empfindungen auf, die auf sie einige
Beziehung haben, und die folglich auch mit unserm ¬
gegenwärtigen Zustand in einiger Verbindung ¬
stehn.
Wir wollen ein Paar Menschen sezen, die sich
in denselbigen Umständen befinden, und die dieselbigen ¬
Leidenschaften haben, aber in einem ungleichen =
Grad ihrer Stärke. Wir wollen uns auf
der einen Seite den alten Horaz, so wie ihn Corneille =
schildert, mit der römischen Seele gedenken,
die es ihm zur Pflicht machte, seine eignen Kinder, ¬
für das Wohl der Republik aufzuopfern.
Der Eindruck bey der Nachricht von der Flucht
seines Sohns ist ein konfuses Gemisch aller Empfindungen, =
die die höchste Liebe fürs Vaterland
und die Ruhmbegierde erzeugen kann: so daß er
den Verlust seiner zwey Söhne nicht betrauern,
sondern blos wünschen darf, daß auch der dritte
gleichfalls sein Leben eingebüßt hätte. Dies sind
die Empfindungen, die in ihm vorgehn; aber,
wird er sie wohl in ihrem ganzen Detail ausdrücken? ¬
Nein; denn das ist nicht die Sprache heftiger ¬
Leidenschaften, Eben so wenig wird er auch
nur eine von den weniger lebhaften Empfindungen
ausdrücken; sondern er wird natürlicher Weise
diejenige hervorziehn, die ihn mit der größten
Lebhaftigkeit erschüttert; und bey dieser wird er
stehn bleiben; weil er die übrigen, durch die Ver=