119
schmack ist der Effekt einer Imagination, die sich
die Gegenstände stets gegenwärtig erhält, nachdem ¬
sie früh an auserlesenen Gegenständen geübt
worden, und die sich Vergleichungsmodelle von
denselben macht. Daher kömmt es, daß der gute
Geschmack gemeiniglich das Eigenthum der Weltleute =
ist.
§. 04. Eigentlich schaffen wir keine Ideen.
Wir vergleichen blos diejenigen Ideen, die wir
mittelst der Sinne erhalten, durch Zusammensezung ¬
und durch Auseinanderlegung derselben. Erfindung =
bestehet darinnen, daß man neue Kombinationen =
zu machen weis. Es giebt davon zweyerley =
Arten; Talent und Genie.
Das Talent verbindet die Jdeen einer Kunst
oder einer bekannten Wissenschaft auf eine solche
Art, daß die Wirkungen, die man dapon natürlicher =
Weise erwarten kann, wirklich erfolgen. Bisweilen =
wird dazu mehr Imagination; bisweilen
mehr Analyse erfordert. Genie ezt zum Talent
noch die Idee von Esprit hinzu, und ist gewissermaaßen =
Schöpfer. Es erfindet neue Künste, oder
auch in derselbigen Kunst erfindet es neue Kogenera, ¬
oder bisweilen auch Gattungen, die weit
höher stehn, als die schon bekannten Gattungen.
Es sieht die Gegenstände aus Gesichtspunkten an,
die ihm eigenthümlich sind. Es giebt einer neuen
Wissenschaft ihr Daseyn, oder bahnet in den Wissenschaften, =
die man schon kultivirt, eine Bahn zu
Wahrheiten, zu deren Erkenntniß man zu gelangen
nicht gehoft haben würde. Es verbreitet über
die bekannten Wahrheiten eine solche Klarheit