Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

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schmack  ist  der  Effekt  einer  Imagination,  die  sich
die  Gegenstände  stets  gegenwärtig  erhält,  nachdem ¬
  sie  früh  an  auserlesenen  Gegenständen  geübt
worden,  und  die  sich  Vergleichungsmodelle  von
denselben  macht.  Daher  kömmt  es,  daß  der  gute
Geschmack  gemeiniglich  das  Eigenthum  der  Weltleute =
  ist.
§.  04.  Eigentlich  schaffen  wir  keine  Ideen.
Wir  vergleichen  blos  diejenigen  Ideen,  die  wir
mittelst  der  Sinne  erhalten,  durch  Zusammensezung ¬
  und  durch  Auseinanderlegung  derselben.  Erfindung =
  bestehet  darinnen,  daß  man  neue  Kombinationen =
  zu  machen  weis.  Es  giebt  davon  zweyerley =
  Arten;  Talent  und  Genie.
Das  Talent  verbindet  die  Jdeen  einer  Kunst
oder  einer  bekannten  Wissenschaft  auf  eine  solche
Art,  daß  die  Wirkungen,  die  man  dapon  natürlicher =
  Weise  erwarten  kann,  wirklich  erfolgen.  Bisweilen =
  wird  dazu  mehr  Imagination;  bisweilen
mehr  Analyse  erfordert.  Genie  ezt  zum  Talent
noch  die  Idee  von  Esprit  hinzu,  und  ist  gewissermaaßen =
  Schöpfer.  Es  erfindet  neue  Künste,  oder
auch  in  derselbigen  Kunst  erfindet  es  neue  Kogenera, ¬
  oder  bisweilen  auch  Gattungen,  die  weit
höher  stehn,  als  die  schon  bekannten  Gattungen.
Es  sieht  die  Gegenstände  aus  Gesichtspunkten  an,
die  ihm  eigenthümlich  sind.  Es  giebt  einer  neuen
Wissenschaft  ihr  Daseyn,  oder  bahnet  in  den  Wissenschaften, =
  die  man  schon  kultivirt,  eine  Bahn  zu
Wahrheiten,  zu  deren  Erkenntniß  man  zu  gelangen
nicht  gehoft  haben  würde.  Es  verbreitet  über
die  bekannten  Wahrheiten  eine  solche  Klarheit
            
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