Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

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Natur  unster  Erkenntniß  und  unsrer  Vorurtheile
analog  sind.  Sobald  sie  sich  aber  hievon  entfernt, ¬
  erzeugt  sie  lauter  monstrose  und  ausschweifende ¬
  Jdeen.  Daher  ist  Despreaux  Gedanke  so
richtig:  „Nichts  ist  schön,  als  was  wahr  ist.
„Das  Wahre  allein  ist  liebenswürdig.  Ueberall,
„sogar  in  der  Fabel  muß  die  Wahrheit  herrschen."
Das  Wahre  kömmt  wirklich  der  Fabel  zu:
zwar  nicht  in  der  Bedeutung,  daß  die  Dinge
völlig  so  aussehn  sollten,  wie  sie  sie  vorstellt;
sondern  deswegen,  weil  sie  sie  unter  klaren,  bekannten =
  Bildern  darstellt,  die  uns  folglich  gefallen, ¬
  ohne  uns  in  Frrthum  zu  führen.
§.  91.  Nichts  ist  schön,  als  das  Wahre.
Nicht  alles  aber,  was  wahr  ist,  ist  schön.  Um
die  Schönheit  zu  ersezen,  gesellet  die  Imagination
solche  Ideen  zur  Wahrheit,  die  zur  Verschönerung
derselben  dienen;  und  durch  diese  Vereinigung
bringt  sie  ein  Ganzes  heraus,  an  welchem  sich  zugleich =
  Festigkeit  und  Annehmlichkeit  findet.  Die
Dichtkunst  giebt  hievon  eine  Menge  Beyspiele.
Hier  sieht  man,  wie  die  Fiktion,  die  ohne  das
Wahre  allemal  lächerlich  seyn  würde,  die  Wahrheit ¬
  verziert,  die  ohne  die  Fiktion  oft  sehr  trocken
seyn  würde.  Diese  Mischung  gefällt  beständig,
wenn  anders  die  Verzierungen  mit  Geschmack  ausgewählt, ¬
  und  mit  Klugheit  vertheilt  sind.  Was
der  Schmuck  bey  einem  schönen  Mädchen  thut;
das  thut  die  Einbildungskraft  bey  der  Wahrheit.
Sie  muß  ihr  alle  Hülfe  leisten,  damit  sie  sich  so
vortheilhaft,  als  möglich,  zeigen  möge.
            
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