110
Vernunft folgt. Beständig gleich wilfährig bequemt ¬
sie sich nach unserm Geschmack, unsern
Leidenschaften und unsern Schwachheiten. Den
einen zieht sie durch ihr lebhaftes und reizendes
Aussehn an sich; den andern sezt sie, durch ihre
schöne und edle Manieren in Erstaunen. Bisweilen ¬
vergnügt sie durch ihre eigne Reize; bisweilen;
durch die Kühnheit ihrer Einfälle. Dort affizirt
sie die Bequemlichkeit um zu interessiren; hier,
die Traurigkeit, um zu rühren; und, wenn sie es
nöthig findet, greift sie sogleich wieder nach der
Maske, um Lachen zu erregen. Jhrer Herrschaft
gewiß, übt sie überall ihre Kaprize aus. Bisweilen ¬
findet sie darinnen Vergnügen, daß sie den
gemeinsten und alltäglichsten Dingen einen Anstrich
von Große giebt; bisweilen aber sucht sie die ernsthaftesten ¬
und erhabensten Dinge lächerlich zu machen =
und herab zu stellen. Wenn sie gleich alles,
was sie anfaßt, verändert: so glückt es ihr doch
oft, sobald sie nämlich blos gefallen will; außerdem ¬
aber muß sie zu Schanden werden.
Ihre
Herrschaft hat da ein Ende, wo das Gebiet der
Analyse angeht.
§. 90. Sie schöpft nicht blos aus der Natur,
sondern auch aus den ungereimtesten und lächerlichsten =
Dingen; wofern ihr nur die Vorurtheile
dabey zu Hülfe kommen. Daran ist nichts gelegen, ¬
daß sie falsch sind; wenn wir nur geneigt
sind, sie als wahr zu glauben. Die Einbildungskraft =
hat überall das Angenehme zur Absicht; deswegen =
ist sie aber der Wahrheit doch nicht entgegen. ¬
Alle ihre Fiktionen sind gut, wenn sie der