Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

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Vernunft  folgt.  Beständig  gleich  wilfährig  bequemt ¬
  sie  sich  nach  unserm  Geschmack,  unsern
Leidenschaften  und  unsern  Schwachheiten.  Den
einen  zieht  sie  durch  ihr  lebhaftes  und  reizendes
Aussehn  an  sich;  den  andern  sezt  sie,  durch  ihre
schöne  und  edle  Manieren  in  Erstaunen.  Bisweilen ¬
  vergnügt  sie  durch  ihre  eigne  Reize;  bisweilen;
durch  die  Kühnheit  ihrer  Einfälle.  Dort  affizirt
sie  die  Bequemlichkeit  um  zu  interessiren;  hier,
die  Traurigkeit,  um  zu  rühren;  und,  wenn  sie  es
nöthig  findet,  greift  sie  sogleich  wieder  nach  der
Maske,  um  Lachen  zu  erregen.  Jhrer  Herrschaft
gewiß,  übt  sie  überall  ihre  Kaprize  aus.  Bisweilen ¬
  findet  sie  darinnen  Vergnügen,  daß  sie  den
gemeinsten  und  alltäglichsten  Dingen  einen  Anstrich
von  Große  giebt;  bisweilen  aber  sucht  sie  die  ernsthaftesten ¬
  und  erhabensten  Dinge  lächerlich  zu  machen =
  und  herab  zu  stellen.  Wenn  sie  gleich  alles,
was  sie  anfaßt,  verändert:  so  glückt  es  ihr  doch
oft,  sobald  sie  nämlich  blos  gefallen  will;  außerdem ¬
  aber  muß  sie  zu  Schanden  werden.
Ihre
Herrschaft  hat  da  ein  Ende,  wo  das  Gebiet  der
Analyse  angeht.
§.  90.  Sie  schöpft  nicht  blos  aus  der  Natur,
sondern  auch  aus  den  ungereimtesten  und  lächerlichsten =
  Dingen;  wofern  ihr  nur  die  Vorurtheile
dabey  zu  Hülfe  kommen.  Daran  ist  nichts  gelegen, ¬
  daß  sie  falsch  sind;  wenn  wir  nur  geneigt
sind,  sie  als  wahr  zu  glauben.  Die  Einbildungskraft =
  hat  überall  das  Angenehme  zur  Absicht;  deswegen =
  ist  sie  aber  der  Wahrheit  doch  nicht  entgegen. ¬
  Alle  ihre  Fiktionen  sind  gut,  wenn  sie  der
            
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