Volltext : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

107
§.  88.  Die  Macht  der  Imagination  hat  keine
Gränzen.  Sie  vermindert  oder  verscheucht  unser
Unglück,  und  sie  allein  kann  unsern  Vergnügungen ¬
  die  Würze  geben,  die  ihren  ganzen  Werth
ausmacht.  Bisweilen  aber  ist  sie  der  fürchterlichste =
  Feind,  den  wir  kennen:  sie  vergrößert  unser
Unglück;  sie  schaft  uns  Uebel,  wenn  wir  keine
haben,  und  ihre  Tyranney  endigt  sich  damit,  daß
wir  uns  den  Dolch  in  die  Brust  stoßen.
Um  von  diesen  Wirkungen  Rechenschaft  zu  geben, =
  bemerke  ich,  daß,  wenn  die  Sinne  auf  das
Organ  der  Imagination  wirken,  dieses  Organ
wieder  auf  die  Sinne  zurückwirkt.  Daran  läßt
sich  gar  nicht  zweifeln;  da  die  Erfahrung  ein  ähnliches ¬
  Rückwirken  ganz  unelastischer  Körper  lehrt.
Jch  bemerke  ferner:  das  Rückwirken  dieses  Orgaus =
  ist  lebhafter,  als  das  Wirken  der  Sinne;
weil  die  Imaginatien  nicht  blos  mit  der  einzigen
Kraft  auf  die  Sinne  zurückwirkt,  die  die  mittelst
der  Sinne  entstandene  Perzeption  voraussezt:  sondern ¬
  weil  dieses  mit  allen  vereinigten  Kräften  aller ¬
  Perzeptionen  geschieht,  die  mit  dieser  Perzeption
genau  verbunden  sind,  und  die  einander  eben  deswegen ¬
  nothwendig  aufwecken  mußten.  Da  das
ist:  so  lassen  sich  auch  die  Effekte  der  EinbildungsWir =

kraft  ohne  viele  Schwierigkeit  begreifen.
wollen  es  an  Beyspielen  zeigen.
Die  Perzeption  eines  Schmerzes  weckt  in  meiner ¬
  Einbildungskraft  alle  die  Jdeen  auf,  mit  welchen =
  jene  Idee  in  genauer  Verbindung  steht.  Jch
sehe  die  Gefahr;  Schrecken  ergreift  mich;  es
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.

powered by Goobi viewer