Full text : Condillac, Etienne Bonnot: Versuch über den Ursprung der menschlichen Erkenntnis

ten  Ebene,  den  Himmel  mit  der  Hand  berühren
zu  können,  gedenken.
Sollte  es  also  wohl  nicht  unnüz  seyn,  die
Philosophen  zu  lesen?  Aber,  wie  könnte  einer
hoffen,  daß  er  glücklicher  darinnen  seyn  werde,
als  so  viele  Genies,  die  von  ihrem  Zeitalter  so  sehr
bewundert  wurden;  wofern  er  sie  nicht  wenigstens
in  der  Absicht  studiret,  um  aus  ihren  Fehlern
Nuzen  zu  schöpfen?  Nothwendig  muß  ein  jeder,
der  eigne  Fortschritte  in  der  Untersuchung  der
Wahrheit  thun  will,  die  Fehler  derer  kennen,  die
den  Weg  zur  Wahrheit  zu  eröfnen  glaubten.  Die
Erfahrung  des  Philosophen  ist  wie  beim  Steuermann ¬
  die  Kenntniß  der  Felsen,  woran  andre  gescheitert ¬
  sind,  und  ohne  diese  Kenntniß  hat  er  keinen =
  Kompaß,  der  ihn  leiten  könnte.
Noch  würde  dieses  zur  Entdeckung  der  Irrthümer ¬
  der  Philosophen  nicht  hinreichen,  wenn
man  nicht  die  Ursachen  derselben  erforschte.  Man
müßte  sogar  von  einer  Ursache  zur  andern  zurückgehn, ¬
  und  bis  auf  eine  erste  Ursache  kommen.
Denn  es  giebt  allerdings  eine  Ursache,  die  alle
diese  irrgehenden  Untersucher  verführt,  und  die
gleichsam  der  einzige  gemeinschaftliche  Mittelpunkt ¬
  ist,  aus  welchem  alle  Wege  auslaufen,
die  zum  Irrthum  hinführen.  Vielleicht  würde
man  alsbenn  neben  diesem  Punkt  einen  andern
entdecken,  von  welchem  der  einzige  Weg  ausläuft, ¬
  der  zur  Wahrheit  führt.
            
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