Volltext : Oken, Lorenz: Ueber den Werth der Naturgeschichte

ohne  alle  Einschränkung  in  der  Bildung  des  Gelehrten.  Der
Gelehrte  ist  nicht  da,  um  zum  Handwerker  abgérichtet  zu
werden;  der  Arzt  soll  kein  Receptverschreiber,  der  Theolog ¬
  kein  Predigtvorleser,  der  Jurist  kein  Gesetzabschreiber,
der  Philolog  kein  Wortmacher,  der  Metaphysiker  kein  Formelgiesser -
  werden;  sondern  jeder  soll  Schöpfer  in  seinem
Fache  sein,  jeder  soll  den  Schatz  aller  Menschenbildung  in
sich  tragen,  aus  dem  er  selbstständig  hervorbringt,  was  der
Handwerker  nachmacht.  Was  kann  aber  der  Arzt  in  seiner
Wissenschaft  selbstständig  hervorbringen,  wenn  er  nichts
weils,  als  die  Namen  einiger  hundert  Apothekerkräuter;  wodurch -
  kann  der  Theolog  seine  Gemeinde  auf  die  Macht  und
Güte  des  Schöpfers  aufmerksam  machen,  wenn  er  die  Wunder ¬
  der  Natur,  die  in  jedem  Steine,  in  jeder  Pflanze,  in  jedem ¬
  Thierauge  in  Fülle  offen  da  liegen,  nicht  kennt;  wie
soll  der  Jurist  entscheiden  im  Streite  über  Naturobjecte,
über  Beschädigung  u.  s.  w.,  wovon  er  keine  Einsicht  hat;
wie  soll  der  Philolog  und  Geschichtsforscher  u  s.  f.  Aufschlüsse
über  die  naturweisen  Lehren  der  Alten  geben,  wenn  er  nicht
weils,  was  jene  wuſsten;  wie  soll  endlich  der  Metaphysiker
nicht  in  Fabeln  über  die  Natur  gerathen  bei  einem  solchen
Zustande  der  Kenntnisse  in  ihm?
Es  ist  jedem  Menschen  die  Naturkenntnifs  ein  Bedürfnifs; ¬
  dem  Arbeitenden  ist  eine  weitere,  besondere  Ausführung ¬
  der  Kenntnisse  seiner  Arbeit  nöthig,  dem  Gelehrten
aber,  sei  er  wessen  Standes,  ist  das  blos  Besondere  ein  Unglück. ¬
  Er  ist  aufgestellt,  über  das  Heiligthum  der  Wissenschaften ¬
  zu  wachen;  dieses  ist  aber  nur  ihre  Integrität,
nur  ihr  Ganzsein,  nicht  die  einzelne  Verfeinerung,  nur  dem
Wucher  und  dem  klugen  Unverstande  dienstbar.
            
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