Volltext : Sturm, Leonhard Christoph: Architectura civili-militaris, Oder

o.
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wenn  nicht  ihre  Ufer  selbst  /  und  also  ihr  Horizont  viel  höher  /  als  der  Horizont  des  höchsten
Wassers  lieget.  Folgende  Reguln  sind  derowegen  unstreitig.  1.  Je  niedriger  die  Bögen  einer =
  Brücke  seyn  können  /  je  besser  ist  es  /  denn  je  besser  die  Ober=Fläche  der  Brücke  mit  denen
beyderseits  daran  liegenden  Gassen  in  einem  Horizont  liegen  kan  /  je  schöner  und  bequemer  ist
die  Brücke  /  dazu  aber  zu  gelangen  hilfft  nichts  besser  als  die  Niedrigkeit  der  Bögen.  2.  Je
weiter  die  Bogen  /  und  je  dünner  die  Pfeiler  dazwischen  seyn  können  /  je  besser  ist  es  /  denn  so
viel  besser  Raum  bekömmt  das  Wasser  durchzulauffen  /  und  so  viel  weniger  kan  es  Gewalt
wider  die  Brücke  gebrauchen.  3.  In  einer  gantzen  Reyhe  nach  einander  folgenden  Bögen
kömmt  es  vornemlich  auf  die  beyden  äussersten  an  /  damit  diese  nicht  ausweichen  können  /  denn
so  können  die  überigen  Bögen  dazwischen  auf  sehr  dünnen  Pfeilern  sicher  ruhen  /  weil  sie  gegen
einander  streben  /  und  also  den  Pfeiler  gegen  seine  Mitte  zu  treiben.  4.  Je  niedriger  ein  Pfeiler =
  unter  Bögen  ist  /  je  dünner  kan  er  seyn.  Aber  eine  gewisse  Proportion  der  Dicke  der  Pfeiler =
  gegen  ihre  Höhe  und  gegen  die  Spannung  der  darauf  liegenden  Bögen  ist  aus  gewissen
demonstrativen  Ursachen  zu  bestimmen  biß  itzo  noch  nicht  möglich  befunden  worden  /  sondern =
  man  muß  in  diesem  Stuͤcke  sich  noch  mit  der  blossen  Empiria  vergnüͤgen.
Nota:  Als  ich  diesen  Tractat  schon  fertig  hatte  /  und  eben  im  Begriff  war  /  habe  ich  in  den
gelehrten  Zeitungen  gefunden  /  daß  in  Paris  ein  Buch  mit  solchem  Titul  heraus  gekommen =
  sey:  Dissertation  sur  l'epaisseur  des  culees,  sur  la  largeur  des  piles  &c.  par  Gautier. -
  Dieses  Buch  erstattet  dem  Titul  nach  völlig  den  Mangel  /  den  ich  hier  beklaget
habe.  Wenn  das  Buch  solches  in  der  That  erweiset  /  hat  man  es  vor  ein  Kleinod  der
Architectur  zu  halten.
Nun  wird  man  schwerlich  Exempla  finden  /  da  die  Weite  der  Bögen  /  und  die  Dünne  der
Pfeiler  dazwischen  mit  erwünschtem  Success  höher  getrieben  worden  /  als  eine  Brücke  welche
Palladio  zu  Vicenza  über  den  Bachi  Glione  ein  gar  strenges  Flüßigen  gebauet  hat  /  und  die
Königliche  Brücke  zu  Paris.  Jene  Brücke  hat  in  der  Mitte  nur  den  sechsten  Theil  der  Bogen=Weite =
  zur  Dicke  des  Pfeilers  /  und  lieget  kein  völliger  halber  Circul=Bogen  /  sondern  ein
flacherer  Bogen  darauf  /  dessen  Höhe  oder  Gespräng  nur  den  dritten  Theil  seiner  Basis  oder
untergezogenen  Sehne  hat.  Diese  hat  auch  nur  den  sechsten  Theil  /  träget  aber  auf  solchen
Pfeilern  einen  völligen  halben  Circul.  Beyde  Brücken  aber  haben  biß  diese  Stund  nicht
das  geringste  Anzeigen  gegeben  /  daß  etwas  zu  schwach  daran  sey  /  welches  doch  nicht  würde
gussen  geblieben  seyn  /  falls  in  der  That  sich  etwas  dergleichen  daran  befände.  Jn  einem  andern =
  Dessein  welches  nicht  ins  Werck  gesetzet  worden  /  hat  Palladio  fast  eben  dieselbe  Proportiones -
  als  bey  obigen  Dessein  behalten  /  doch  den  beyden  Pfeilern  den  fünfften  Theil  des  mittelsten =
  Bogens  zur  Dicke  gegeben.
Aus  dieser  Betrachtung  kan  ich  sicher  dieses  von  steinern  Brücken  lehren  /  und  wer
dergleichen  kostbahren  Bau  auf  sich  nehmen  soll  /  der  eben  nicht  offt  vorkömmt  /  darff  sich  ohne
alle  Furcht  darauf  verlassen  /  wenn  er  nur  die  behörige  Materialien  hat  /  und  dieselbige  so  viel
menschlich  und  möglich  ist  /  accurat  arbeiten  lässet.  Je  höher  nemlich  man  Ufer  hat  /  je  schwächer =
  kan  man  die  Pfeile  /  und  je  höher  die  Bögen  nehmen  /  also  daß  man  niemahl  weniger  nehme =
  als  den  sechsten  Theil  des  mittlern  Bogen  /  und  dieses  nicht  als  in  dem  Fall  /  da  man  einen =
  völligen  halben  Circul  darauf  setzen  kan.  Niedriger  aber  nehme  man  den  Bogen  nicht  /
als  einen  sechsten  Theil  seiner  Chorda,  und  diesen  setze  man  auf  Pfeiler  /  so  den  vierdten  Theil
der  Bogen=Weite  dicke  sind.  Zwischen  diesen  Extremis  kan  man  allezeit  gewiß  gehen  /  auch
wenn  die  Pfeiler  perpendicular  aufgeführet  werden  /  wie  bißher  allezeit  ist  gebräuchlich  gewesen. =
  Aber  zu  besserer  Sicherheit  und  Gewißheit  in  dieser  Sache  /  damit  auch  die  unterschiedlich =
  vorfallende  Höhe  niemand  dürffe  Furcht  und  Zweiffel  machen  /  wäre  mein  Rath  /  den  Pfeilern =
  allezeit  eine  Schmiege  zu  geben  /  und  zwar  bey  dem  einen  extremo,  wenn  ein  halber  Circul =
  auf  Pfeilern  aus  dem  sechsten  Theil  lieget  /  die  Pfeiler  perpendicular  aufzuführen  /  bey  dem
andern  Extremo,  da  der  Bogen  nur  den  sechsten  Theil  seiner  Chordæ  hoch  wird  /  aber  aus
dem  vierdten  Theil  solcher  Chordæ  seine  Pfeiler=Dicke  bekommt  /  den  Pfeiler  um  den  achten
Theil  seiner  Höhe  auszuschmiegen  /  daß  er  unten  so  viel  dicker  wird.  Zwischen  diesen  Fällen
kan  man  die  Schmiege  immer  geringer  nehmen  /  je  näher  man  dem  ersten  Excremo  kömmt.
Solcher  gestalt  sage  ich  frey  /  und  stehe  bereit  es  gegen  alle  Baumeister  in  der  Welt  zu  verantworten =
  /  daß  wann  einer  auch  in  dem  strengesten  Fluß  die  Pfeiler  recht  gegründet  hat  /  selbige
hernach  von  mäßig  grossen  Quader=Steinen  mit  in  den  Kern  der  Mauer  gesetzten  wohlgebrannten =
  Ziegel=Steinen  also  aufführet  /  daß  die  Fugen  alle  just  abgepasset  /  die  Steine  /  wenigstens =
  aussen  herum  /  auf  einen  Fuß  dick  /  in  guten  Ciment  geleget  /  und  mit  eisernen  in
Bley  vergossenen  Klammern  behörig  verbunden  werden  /  wenn  endlich  das  Gewölbe  aus  accurat =
  gepasseten  Steinen  versetzet  /  und  vor  oben  darauf  einschleichender  Näͤsse  rechtschaffen  verwahret =
  wird  /  eine  solche  Brucke  mit  allen  andern  in  die  Wette  dauren  könne.  Wieder  die
Schmiege  der  Pfeiler  /  ob  sie  schon  etwas  neues  ist  /  (deme  man  zu  widersprechen  jederzeit  gewohnet =
  gewesen)  wird  man  nichts  gründliches  einbringen  können.  Wolte  jemand  saden  es
wäre
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