Volltext : Tome III (3)

IV.  Der  Handel  der  neuesten  Zeit.
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Reichsbankgesetz  löste  die  Bankfrage  für  Deutschland  auf  eine  im  ganzen  befriedigende ¬
  Weise.  Auch  Maß  und  Gewicht,  vorher  völlig  verworren  und  ungleichartig, ¬
  wurden  seit  1872  einheitlich  geregelt.
Während  eine  einheitliche  Handels=  und  Wechselgesetzgebung  schon  in  den
Tagen  des  deutschen  Bundes  stattgefunden  hatte  (Deutsches  Handelsgesetzbuch
1861,  Allg.  deutsche  Wechselordnung  1847),  schuf  das  Deutsche  Reich  hierzu
noch  einen  obersten  Gerichtshof  zu  Leipzig.
Mit  der  einheitlichen  Regelung  des  Handels  und  Verkehrs  in  der  Gewerbegesetzgebung, ¬
  des  Geld=  und  Kreditwesens,  mit  dem  Schutze,  den  der  deutsche
Handel  durch  die  politische  Macht  des  Reiches,  die  deutsche  Seeschiffahrt  durch
die  deutsche  Flotte  fand,  schienen  die  äußeren  Bedingungen  zu  einer  glänzenden
Entfaltung  des  deutschen  Wirtschaftslebens  gegeben  zu  sein,  als  man  durch  die  große
Handelskrisis  des  Jahres  1873  plötzlich  und  in  schmerzlicher  Weise  enttäuscht  ward.
Mannigfache  Ursachen  wirkten  zusammen,  um  diese  Krisis  herbeizuführen.
Der  flotte  Absatz,  dessen  manche  Industrien,  namentlich  die  Eisenindustrie
und  der  Maschinenbau,  diese  hauptsächlich  wegen  der  vielen  und  großen  Eisenbahnbauten, ¬
  sich  zu  erfreuen  hatten,  führte  gegen  Ende  der  sechziger  Jahre  zu
einer  gewaltigen  Überspekulation.  Als  zu  der  günstigen  Absatzgelegenheit  seit
1871  noch  der  Überfluß  an  Kapital  infolge  der  französischen  Milliardenzahlung
kam,  kannte  die  Unternehmungslust  bald  weder  Maß  noch  Ziel.  Die  Gründung
von  Fabriken,  Banken,  Eisenbahnen  wurde  in  Deutschland  gewerbsmäßig  betrieben. ¬
  Zahllose  Etablissements,  die  bisher  in  einem  mäßigen  Umfange  einen
ziemlich  stetigen  und  steigenden  Absatz  gefunden  hatten,  fanden  sich  plötzlich  veranlaßt, ¬
  auf  Grund  eines  momentan  sehr  gesteigerten  Absatzes  ihre  Anlagen  zu
vergrößern,  ihren  Betrieb  zu  erweitern.  Wo  das  nicht  durch  die  ursprünglichen
Unternehmer  geschah,  sorgten  die  Gründer  dafür,  indem  sie  Privatetablissements
kauften,  in  Aktienunternehmungen  verwandelten  und  vergrößerten.  Neue,  ungekannte ¬
  Sorten  von  Unternehmungen  tauchten  auf.  So  u.  a.  die  Maklerbanken,
Baubanken  2c.,  letztere  als  Ursache  und  Wirkung  sinnloser  Bauspekulation.  Nicht
wenig  hatte  zu  dieser  Überspekulation  das  Bewußtsein  des  erkämpften  Reichtums,
der  eroberten  Machtstellung  und  gesicherten  friedlichen  Zukunft  beigetragen.
Riesige  Summen  flossen  aus  der  Kriegsentschädigung  in  die  Kanäle  der  Industrie ¬
  zur  Wiederherstellung  verbrauchten  Kriegsmaterials;  die  Eisenbahnen
mußten  ihr  während  des  Kriegs  abgenütztes  Material  herstellen;  Festungsbauten, ¬
  strategische  Bahnen,  die  Marine  u.  s.  w.;  alles  das  gab  der  deutschen
Industrie  ein  reiches  Feld  der  Thätigkeit.  Die  Spekulation  trieb  Mißbrauch
damit.  Man  hielt  die  vergängliche  Konjunktur  für  dauernd  und  wirtschaftete  in
diesem  Sinne  drauf  los.  Der  Unternehmungseifer  wurde  zur  tollen  Spielsucht;
die  Gründungen  überstürzten  sich;  die  Erfolge  einzelner  wurden  zur  ökonomischen ¬
  Lockung  für  die  Mehrheit.  Wer  noch  keinen  Erfolg  erzielt  hatte,  lebte
wenigstens  so,  als  hätte  er  schon  welchen  erreicht.  Der  Luxus  stieg  maßlos,
ebenso  die  Preise  von  Bauplätzen,  Häusern,  Luxusartikeln,  die  Löhne  2c.  So
stand  man  in  Deutschland  auf  der  Höhe  der  Überspekulation,  als  der  große
Krach  in  Österreich  1873  die  Schöpfungen  der  dortigen  Überspekulation  in
grauenhaftem  Sturze  zusammenbrechen  ließ.  Ein  ähnlicher,  wenn  auch  nicht
so  bedeutender  Zusammensturz  folgte  sofort  in  Deutschland.  Überall  sahen  die
Unternehmungen,  daß  sie  zu  weit  gegangen  waren,  der  gehoffte  Absatz  blieb  mit
einem  Male  aus.  Kleinmut  und  Verzagtheit  traten  an  die  Stelle  schwindelnder
Hoffnung;  man  hielt  sich  für  arm  und  verloren.  In  dieser  gedrückten  Stimmung
befand  sich  die  deutsche  Volkswirtschaft  Jahre  lang  und  ihr  ist  es  auch  zum  Teil
zuzuschreiben,  daß  in  der  Folge  von  Seite  der  deutschen  Industriellen  eine  Umkehr ¬
  der  bisherigen  Handelspolitik  zum  System  des  Schutzzolles  verlangt  wurde.
Man  kam  zu  der  Anschauung  eines  nationalen  Notstandes,  welchem  durch  Re¬
            
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