Metadaten : Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Romanistische Abteilung (Bd. 27 (1906))

Zu Horaz Serm. II, 1, 74 ff.

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Lucius Titius crimen intendit Gaio Seio, quasi iniuriam
passus, atque in eam rem testationem apud praefectum
praetorio recitavit: praefectus, fide non habita testationis,
nullam iniuriam Lucium Titium passum esse a Gaio Seio,
pronunciavit. Quaero an testes, quorum testimonium repro-
batum est, quasi ex falso testimonio, inter infames habentur.
Paulus respondit, nihil proponi, cur hi, de quibus quaeritur,
infamium loco haberi debeant: cum non oportet ex sen-
tentia, sive insta, sive iniusta, pro alio habita, alium prae-
gravari.
Mommsen1) behauptet, daß die testificatio hier ganz im
Sinne der Entscheidung Hadrians als unzulässiges Beweis-
mittel abgelehnt werde. Das scheint mir aber nicht richtig
zu sein. Die Aussage wird m. E. abgewiesen, weil ihr der
praefectus praetorio keine Glaubwürdigkeit beimißt; nur so
kann m. E. die aufgeworfene Frage entstehen, ob der Zeuge,
dessen testificatio reprobiert ist, strafbar sei oder nicht. —
Auf solche tabulae signatae, auf in Urkundenform ab-
gefaßte und versiegelte testificationes ist nun m. E. in der
Horazstelle Bezug genommen. Diese Auslegung wird durch
die vorherige Erwähnung einer vom Cäsar erhaltenen laudatio
ganz besonders empfohlen. Der den behandelten Versen
zugrunde liegende Vorgang ist also nach meiner Auffassung
folgender: Gegen Horaz wird eine Privatanklage wegen
mala carmina erhoben. Diese ist aber für ihn vollkommen
ungefährlich, weil er beweisen kann, daß seine Gedichte
nicht Pasquille sind. Der Dichter widerlegt die Anklage,
indem er tabulae des Caesar vorlegt, in welchen dieser be-
zeugt, daß die carmina des Horaz bona seien und weiters
testificationes anderer Personen über die Integrität seines
Charakters und die ehrlose Gesinnung der Prozeßgegner
produziert. Die Zeugnisse, die Horaz vorlegen kann, insbe-
sondere die für ihn günstige Aussage des Caesar lassen ihn
beruhigt dem Ausgange des Prozesses entgegensehen. Der
Richter öffnet unter Lächeln die tabulae, denn sofern sie
von Horaz produziert werden, kann ja nur günstiges über
ihn darin enthalten sein und die allenfalls zu seinen Un-

*) a. a. 0. p. 268.

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