Volltext : Genelli, Hans Christian: Exegetische Briefe über des Marcus Vitruvius Pollio Baukunst an August Rode

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zwey  solcher  Flächen  mehr  zu  geben,  als  sie  nothwendig  haben  muss.  Wurde  es
demnach  ja  nöthig  sie  der  Stärke  nach  aus  zwey  Stücken  zusammen  zu  setzen;  so
wird  man  sie  sicher  lieber  so  dicht  als  nur  immer  möglich  zusammengetrieben  haben,
um  die  Schwindung  nur  an  den  äusseren  Flächen  zu  verstatten.
Andrerseits  aber  wäre  es  nicht  immer  möglich  gewesen,  die  ganze  Länge  der
Architrave  aus  einem  Balken  aufzutreiben;  und  zwar  je  stärker  sie  seyn  mussten,  je
weniger  war  jenes  möglich.  Es  war  also  nöthig  sie  zusammen  zu  stolsen,  auf  den
Ecken  war  es  ohnehin  unumgänglich.  Und  von  diesem  so  viel  wichtigeren  Verband
sollte  Vitruv  geschwiegen  haben,  um  so  bedächtlich  von  jener  unbedeutenden  Nebensache -
  zu  reden?  —  Fand  man  aber  auch  Balken  von  der  erforderlichen  Stärke,  die
diese  ganze  Länge  leisteten;  so  wurde  es  sehr  schwierig,  ich  will  nicht  sagen  unmöglich, -
  eine  so  lange  Architrave  aus  einem  Stücke  richtig  auszuhauen:  und  gelang
auch  dies,  so  konnte  es  doch  nur  von  kurzem  Bestand  seyn.  Der  Balken  wirft  und
sakt  sich,  und  würde  nie  fest  auf  den  Säulen  aufliegen.  —  Kurz,  diese  hölzernen
Architrave  sollen,  so  wie  die  steinernen,  nur  von  Säule  zu  Säule  reichen;  und  über
die  Axen  der  Säulen,  wo  sie  mit  den  Stirnen  zusammentreffen,  sollen  sie  einen  Spielraum -
  behalten,  damit  die  Feuchtigkeit  verwittern  könne,  welche  aus  den  Poren  der
Stirne  ausdünstet.  Denn  treffen  sich  diese,  so  Hiessen  die  Ausdünstungen  in  Tropfen
zusammen,  halten  die  Stirnen  beständig  feucht,  und  verursachen  dals  sie  schnell
stocken.  Dies  ist  der  Sinn  der  Stelle.  Damit  nun  die  Architrave  nicht  rücken,  sollen -
  sie  durch  schwalbenschwanzförmige  Döbbelhölzer  zusammen  gehalten,  und  diese
wieder  mit  übergespannten  Klammern  befestiget  werden.
Durch  solche  Zertheilung  der  Architrave  bleibt  nun  bey  jeder  Veränderung  des
Holzes  ihre  Lage  dennoch  immer  fest  und  sicher,  und  man  ist  immer  gewiss,  das
Holz  von  der  erforderlichen  Stärke  aufzufinden.  Die  Fugen  aber  treffen  gerade  auf
die  Axen  der  Säulen,  und  folglich  mitten  in  dem  Lager  eines  Deckenbalkens,  und
je  eine  derselben  auf  jede  scharfe  Kante.  Wäre  nun  die  Platte  des  Kapitells  auf  der
Ecksäule  abgerundet;  so  würde  diese  Fuge  in  der  freystehenden  Spitze  die  Schwierigkeit -
  des  richtigen  Auflegens  und  die  Widrigkeit  des  Augenscheins  noch  beträchtlich -
  vermehren,  wie  ich  oben  bey  dem  Kapitell  erwähnte.
Aus  den  Worten  —  modulis  iis,  qui  a  magnitudine  operis  postulabuntur  —  erhellet, -
  dass  die  Höhe  dieser  Architrave,  so  gut  wie  die  der  Jonischen  Ordnung,  mit
der  Grölse  des  Tempels  steigen  soll.  Jedoch  ist  dabey  zu  bemerken,  dass,  da  sie
von  Holz  ist,  ihr  Verhältnifs  zur  Säulenhöhe  nicht  in  der  steigenden  Progression,
wie  bey  der  Jonischen,  sondern  gerade  umgekehrt  ausfallt.  Denn  bey  einer  Säulen¬
            
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