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der nähern Beschreibung seines eigenen Jonischen Kapitells kommt nichts vor,
was er mit diesem Namen belegte: derselbe muss folglich irgend etwas bezeichnen
sollen, was am Kapitell nicht für unumgänglich nöthig gehalten wurde. Die meisten -
Ausleger beruhigen sich zuletzt mit einer buchstäblichen Uebersetzung des
Wortes, und nennen das Ding Fruchtschnüre; allein wo wären nun solche
angebracht gewesen, und wie? das bleibt immer noch die Frage. So windig und
locker, wie unter den Neuern meines Wissens zuerst M. Angelo sie an seinen
Kapitellen angebracht hat, konnten sie wohl nie in den Sinn eines Griechen kommen: -
da selbst er augenscheinlich nur durch den missverstandenen Ausdruck Vitruvs -
darauf gebracht worden ist. Auch hat man bis jetzt aus dem Alterthum
noch kein solches Kapitell aufgefunden. M. Angelo bog seine vier Voluten auf
den Diagonalen wie Hörner heraus, wodurch sein Kapitell vier gleiche Seiten bekam, -
an welchen er gleichmässig die Fruchtschnüre in den Volutenaugen anheften konnte: -
ein antikes Kapitell bot nur Platz für zwei an; und an einem Eck-Kapitell mulsten -
ihrer gar drei kommen, die ziemlich breit über den Säulenschaft hätten herunterhängen -
müssen. Und wie sollte in diesem Fall es nun dem Vitruv eingefallen -
seyn, solches mit einer Stirnzierde oder einem Diadem zu vergleichen? Kurz,
die Encarpi waren in der Tliat eine Kopfzierde. Da nehmlich die Jonier bei
Ausbildung ihrer Ordnung sich einmal die weibliche Gestalt zum Vorbild gesetzt,
und die Voluten auf der Stirn hervorgezogen hatten als zierliche Hauptlocken,
zwischen welchen das Cymatium sich als Stirnbinde zeigte; so setzten sie noch einen -
festlichen Kranz über dasselbe: grade so wie sie ihre Töchter geschmückt
zum Tempel der Göttin gehn sahen. Und auch darauf könnte sie etwa eine noch
frühere Tempelsitte gebracht haben, nehmlich die, einen ähnlichen Kranz zwischen
den Henkeln oder Krallen des noch gefässartigen Kapitells durchzuwinden, der
dann in der That wie eine durch die Henkel gezogene Trage oder Handhabe
aussehn musste, und vielleicht eben daher technisch den Namen — Encarpos
(von der Faust) erhalten hatte.
Demzufolge ist das Encarpos ein rundes pfühlartiges Glied über dem Cymatium, -
welches wie ein mit Bändern umwundener Blumenkranz behauen ist. Dieses -
Glied kann nur auf den beiden Fronten des Kapitells sichtbar seyn, und ist
mithin in zwei getheilt: daher der Plural — encarpi. — Der angeführte Dianentempel -
in Jonien hatte also solche Kapitelle, wie die an dem Jonischen Tempel auf
der Burg zu Athen, und war der erste, an welchem dergleichen angebracht worden.
Ausgemacht hingegen ist, dass die Encarpi an Vitruvs eigenem Kapitell nicht
statt finden: in der Beschreibung desselben geschieht ihrer gar keine Erwähnung;