Vom Gefängnißdirector Streng. 337
Der Bericht des Englischen GeneralinspectorS vu Oane er-
wähnt in der Einleitung, es sei schwer, irgend ein System des
Strafvollzuges aufzustellen, welches nicht in England oder den Co-
lonien genügend erprobt worden sei. Nach einer Schilderung des
jetzt adoptirten Progressiv-Systemes constatirt der Bericht die er-
freuliche Abnahme der jährlichen Verurteilungen ju.penal servi-
tude; die schon seit 1859 im Sinken, im Jahre 1871 um */z Theil
weniger als im Jahre 1869 betrugen.
Wenn diese Abnahme lediglich auf die Vorzüge des Strafvoll-
zugs-Systemes und die Thätigkeit der freiwilligen Vereine zur Un-
terstützung entlassener Sträflinge zurückgeführt wird, so kann es
dahingestellt bleiben, ob nicht andere wesentliche Factoren, nament-
lich Schulbildung und erleichterte Erwerbsbedingungen gleich wirk-
sam hier eintraten, ohne den wichtigen Einfluß der Organisation
des Strafvollzuges auf Zu- und Abnahme der Straffälle zu un-
terschätzen. Verschwindet bie Furcht .vor dem Strafhause gerade
unter jenen Klassen der Bevölkerung, die das größte Contingent
in dasselbe liefern, herrscht in den Strafanstalten der Zuchthaus-
geist, der jeder bessernden Einwirkung spottet und nur den völligen
moralischen Ruin der besseren Elemente der Strafhausbevölkerung
fördert, so wird die Criminalstatistik von den schlimmen Wirkungen
solcher Mißstände nicht unberührt bleiben.
In Bayern stehen die statistischen Ergebnisse mit dem officiel-
len Berichte über den Zustand des GefängnißwesenS in unerfreu-
lichem Einklang. Im Jahre 1862/63 betrug die Zahl der Ver-
brechensstrafen 428, im Jahre 1865/66 dagegen 602. Ganz ab-
gesehen von der durch die Einführung des Strafgesetzbuches für
das Deutsche Reich bedingten Mehrung der Verbrechensstrafen ist die
Zahl derselben fortwährend im Wachsen.
Die steigenden Strafvollzugskosten führen bei den Budgetbe-
rathungen zu stets wiederkehrenden Klagen, und gewöhnlich wird,
unter Vornahme eines einfachen Rechenexempels über die Erträg-
nisse der Strafhausarbeit, dem Minister empfohlen, die Beschäftig-
ung der Sträflinge doch möglichst rentabel zu machen.
In früheren Jahren war der Name des vormaligen Vorstan-
des des Zuchthauses in München, Obermaier, im In- und Aus-
Der Gerichtssaal. XXVI. Band. 22