Volltext : Dritter Band (3)

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Achtes  Buch.
Bei  dem  Menschen  gestaltet  sich  die  Mutterliebe  vielfach:  bald  wendet ¬
  sie  sich  vorzugsweise  dem  Erstgeborenen  zu,  der,  am  schwierigsten
geboren,  das  erste  Mutterglück  brachte,  bald  dem  Letztgeborenen,  an
dessen  Aufblühen  sie  nach  erloschener  Zeugungskraft  ungestört  sich
weiden  kann;  bald  wird  das  kräftigste  Kind  der  Liebling,  dessen
Entwickelung  die  freudigsten  Hoffnungen  erregt;  bald  das  schwächste,
welches  das  Mitleid  in  Anspruch  nimmt  und  der  sorgsamsten  Pflege
bedarf;  bald  richtet  sich  die  Liebe  der  Mutter  vorzugsweise  auf  den
Sohn,  dessen  Geburt  (§.  494,  h)  schwieriger  und  für  ihr  Leben
gefährlicher  war,  und  dessen  männliche  Kraft  einst  ihr  Stolz  seyn
wird;  bald  auf  die  Tochter,  in  welcher  sie  sich  die  theilnehmendste
Freundin  erzieht;  endlich  aber  hat  jedes  Kind  vermöge  seiner  Individualität ¬
  seinen  besonderen  Antheil  an  ihrem  Herzen.  —  c)  Das
Rechtsverhältniß  der  Eltern  zu  den  Kindern  hat  eine  sinnliche  und
eine  ideelle  Seite.  Sinnlich  genommen,  ist  das  Kind  das  Geschöpf
der  Eltern:  durch  ihre  bildende  Kraft  hervorgebracht,  so  wie  durch
ihre  Bemühungen  beim  Leben  erhalten,  mit  Kräften  und  Fertigkeiten ¬
  ausgestattet,  so  wie  mit  allem,  was  ihm  nöthig  ist,  versehen,
ist  es  ihr  Eigenthum,  welches  Niemand  ihnen  streitig  machen  kann,
und  so  haben  sie  das  wohlerworbene  Recht,  von  ihm  Vortheil  zu
ziehen.  Aber  ideell  sind  die  Zeugenden  bloß  die  Organe  der  Menschheit; ¬
  nicht  sie  bringen  die  Zeugung  zu  Stande,  sondern  die  Gattung, ¬
  in  deren  Dienste  sie  stehen,  wirkt  durch  sie;  das  Erzeugte
gehört  also  der  Gattung  an  und  hat,  da  es  den  Begriff  derselben
verwirklichen  soll,  volle  Ansprüche  auf  gleiche  Rechte  mit  allen  ihren
anderen  Gliedern,  indem  der  Keim  der  Selbstständigkeit,  wenn  er
auch  noch  nicht  zur  Entwickelung  gediehen  ist,  Achtung  fordert.
So  sind  denn  die  Eltern  nur  die  Pfleger  der  sich  fort  bildenden
Menschheit;  die  Natur  hat  aber  ihr  Wesen  so  organisirt,  daß  sie
in  diesem  Dienste  der  Gattung  den  höchsten  Genuß  finden,  da  der
Zusammenhang  mit  dem  Ganzen  die  Individualität  aus  armseliger
Beschränktheit  zu  höherem  Seyn  erhebt:  so  hat  denn  das  Glück
der  Liebe,  die  Wollust  der  Begattung,  der  Genuß  des  Familienlebens, ¬
  die  Freude  den  Kindern  wohlzuthun,  ihre  fortschreitende  Entwickelung ¬
  zu  sehen  und  ihren  Dank  zu  ernten,  einen  wesentlichen
Zusammenhang  und  eine  allgemeine  Bedeutung.
—  Bei  allen
            
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