§. 1006.
Von den Lebenskräften.
589
Sinne ein besondres Fremdes offenbar. Der Dualismus ist also
das oberste Princip für alles Empirische, Erscheinende; aber wir
verlangen Erkenntniß des Ursprünglichen an den sinnlichen Thatsachen. ¬
Unsre Vernunft bleibt beim Dualismus unbefriedigt;
denn während ihr ganzes Streben darauf gerichtet ist, im Hin
tergrunde der Mannichfaltigkeit die Einheit zu erblicken, verharrt
der Dualismus bei der Wahrnehmung des Oberflächlichen, Mannichfaltigen. ¬
Der Gegensatz kann nicht das Höchste sein, denn
er drückt eben bloß verschiedne Arten des Daseins aus, welche ein
allgemeines Sein voraussetzen. Im Gegensatze liegt der Begrif
der Beschränktheit, der Gränzen für ein Einzelnes, jenseits welcher ¬
ein Andres liegt; wir suchen aber die Grundursache, die nicht
selbst wieder beschränkt sein kann. Wäre endlich der Gegensatz
ein ursprünglicher und
absoluter, so könnten seine Glieder nichts
mit einander gemein haben; durch eine unübersteigliche Kluft von
einander getrennt, vermöchten sie sich nicht zu berühren und au
einander einzuwirken.
B) Das Uranfängliche müssen wir also B.
über dem Gegensatze,
in der Einheit suchen; und zwar ist dies
nur möglich entweder im Materiellen, oder im Ideellen, oder in
der Identität beider.
a) Der Materialismus legt dem Körperlichen ¬
allein Wirklichkeit bei, und findet den Grund aller Naturerscheinungen ¬
in den ursprünglichen Eigenschaften der Materie.
Indem er aber das Dasein der Materie allein für gewiß, und
nichts als die Erkenntniß derselben für sicher hält, giebt er sich
schon einer Täuschung preis. Denn das ursprünglich Gewisse für
uns liegt im Selbstbewußtsein: es ist das unmittelbar sich kund
gebende Ich, welchem die Eigenschaften der Materie abgehen.
Die äußre Wahrnehmung ist nichts Andres als das Gewahrwerden ¬
einer ohne unser Zuthun entstandenen Veränderung in unsrem
Ich; das Beharrliche, Außre, welches diese Veränderung hervorbringt, ¬
oder die Materie liegt unsrem Ich fern: unmittelbar erkennen ¬
wir sie nicht selbst, sondern nur die Wirkung, die sie auf
uns ausübt; wir lernen bei der Sinnenerkenntniß bloß durch eine
Thätigkeit (die Empfindung) nichts als eine Thätigkeit (Ausdehnung, ¬
Undurchdringlichkeit u. s. w.) kennen; diese ist also der
eigentliche Gegenstand unsrer Wahrnehmung, und die Materie